Wollwesen
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Als ich zu dir kam

Barbara Delius und Elodie von Winterfeld

Barbara trifft bei ihrer Schwester auf Elodie und fürchtet, ihren Platz an sie verloren zu haben.

Barbara erinnert sich an ihren Bruder, während Elodie ihr aufmerksam zuhört.

Wenn Barbara sich an ihren Bruder erinnerte, hörte sie meist zuerst seine Stimme. Er hatte seine Freude niemals leise ausdrücken können, besonders nicht an seinem Geburtstag, wenn er ihnen öffnete und schon im Vorzimmer zu erzählen begann. Die Schwestern hatten ihre Mäntel noch an, während er längst bei der Hälfte einer Geschichte war, deren Anfang sie nicht verstanden hatten. Evita lachte dann, und Barbara bat ihn, wenigstens zu warten, bis sie drinnen wären. Wie wenig hatte sie damals daran gedacht, dass sie sich einmal gerade nach dieser Ungeduld sehnen würde. Nun war wieder sein Geburtstag, und sie ging zu Evita. Sie hatte ihr versprochen zu kommen und den Abend freigehalten. Fünf Wochen war sie mit ihren Wandergruppen unterwegs gewesen, hatte in Gasthäusern und Hotels gewohnt und die Gespräche mit ihrer Schwester auf später verschoben. Heute würde sie bleiben können, bis Evita müde wurde. Schon auf der Treppe freute sie sich auf die Stunden zu zweit.

Es war Elodie, die ihr öffnete. Evita werde später kommen, erklärte sie; in der Praxis dauere ein Gespräch länger, und sie habe gebeten, mit dem Essen nicht auf sie zu warten. Barbara versicherte, sie habe Zeit. Sie wusste, dass ihre Schwester niemanden fortschicken konnte, der sich ihr eben erst anvertraut hatte. Doch während sie Elodie in die Küche folgte, spürte sie, wie sehr sie mit Evitas Begrüßung gerechnet hatte. Sie hätte gern die Müdigkeit der vergangenen Wochen bei ihr abgelegt, hätte von ihrem Bruder sprechen wollen, ohne zunächst erklären zu müssen, wie sehr sie ihn vermisste. In der Küche war der Tisch gedeckt. Elodie hatte Suppe gekocht, weil Evita nach einem solchen Tag oft nichts anderes mochte, und für Barbara einen Teller dazugestellt. Durch das offene Fenster drang noch ein wenig Abendlicht; bald würden sie die Lampe brauchen.

Barbara kannte diese Wohnung seit Jahren. Dennoch war ihr an diesem Abend, als müsste sie auf eine Einladung warten, ehe sie sich setzen dürfte. Elodie wusste, wo Evita ihre Briefe hinlegte und welches Brot sie gern zur Suppe aß. Sie brauchte darüber nicht nachzudenken, erzählte es auch nicht, um ihr Wissen vorzuzeigen; es gehörte zu ihrem Tag, wie der Schlüssel zur Wohnung und das Buch, das beim Fenster auf sie wartete. Barbara aber hörte aus den beiläufigen Worten heraus, wie viel von Evitas Leben ihr fremd geworden war. Sie hätte noch sagen können, worüber ihre Schwester als Kind geweint hatte, und kannte jeden Versuch, mit dem der Bruder sie damals hatte trösten wollen. Diese Erinnerungen hatte ihr niemand genommen. Nur waren inzwischen Morgen und Abende vergangen, die sich nicht nachholen ließen, und in ihnen war Elodie ihrer Schwester nahe gewesen. Barbara wandte sich dem Fenster zu, damit sie nicht weiter dabei zusehen musste, wie selbstverständlich hier für Evita gesorgt wurde.

Elodie öffnet Barbara die Tür. Barbara hält ihren schwarzen Hut vor sich.

Elodie fragte, ob sie Tee trinken wolle. Barbara verneinte und erkundigte sich stattdessen, ob Evita den Geburtstag erwähnt habe. Sie wollte es beiläufig sagen, doch Elodie hörte wohl mehr darin, denn sie antwortete vorsichtig. Im ersten Jahr nach seinem Tod sei Evita schon Tage vorher unruhig gewesen; auch später habe sie oft von ihm gesprochen, wenn dieser Tag näher kam. Elodie hatte ihn noch während seiner letzten Lebenswochen kennengelernt und war bald darauf zu Evita gezogen. Barbara wusste das, aber sie hatte nie gefragt, wie die beiden jene erste Zeit miteinander verbracht hatten. Nun erinnerte sie sich an einen Anruf ihrer Schwester in der vergangenen Woche. Sie hatte kurz vor einem Termin gestanden, an den sie während des Telefonats immer wieder denken musste, und ein längeres Gespräch für den folgenden Abend versprochen. Was Evita ihr hatte erzählen wollen, wusste sie nicht. Elodie wusste es vielleicht. Der Gedanke tat ihr weh, und sie war versucht, darin eine Unfreundlichkeit Elodies zu sehen, obwohl diese nichts als eine Frage beantwortet hatte.

Schließlich sagte Elodie, sie wolle den Schwestern später Zeit zu zweit lassen. Barbara antwortete, sie brauche sich ihretwegen nicht zurückzuziehen. Sie meinte es sogar, solange sie nicht daran dachte, dass Elodie morgen wieder mit Evita frühstücken würde, am Abend mit ihr essen und in einer Woche Dinge von ihr wissen, die Barbara nie erfahren würde. Elodie erwähnte einen Spaziergang und nahm ihr Buch zu sich. Da fragte Barbara: »Wozu braucht Evita mich eigentlich noch? Du bist ja immer da.« Elodie wirkte bestürzt. »Sie hat sich auf dich gefreut«, sagte sie. Es war als Trost gemeint, aber Barbara hörte nur, dass Elodie auch das wusste. »Du musst mir nicht erklären, was meine Schwester empfindet.« Kaum war es ausgesprochen, wünschte sie, sie hätte sich setzen und den angebotenen Tee annehmen können, bevor dieser Abend eine solche Wendung genommen hatte. Elodie legte ihr Buch beiseite.

Elodie sprach nicht mehr, und Barbara fühlte die Stille wie einen Vorwurf, den sie nicht widerlegen konnte. Sie hätte einen Streit vorgezogen. Auf ein hartes Wort hätte sie mit einem anderen antworten können, und zuletzt wären beide verletzt gewesen. So aber sah sie nur, was sie selbst angerichtet hatte, und brachte nicht den Mut auf, es einzugestehen. Sie erklärte, sie sei wohl zur falschen Zeit gekommen, und verabschiedete sich. Auf der Straße ging sie rasch, den Hut noch in der Hand. Es war angenehm kühl, und für eine kurze Weile erleichterte es sie, nichts mehr sagen zu müssen. Sie würde später mit Evita sprechen. Ihre Schwester kannte sie, wusste, wie schwer ihr dieser Tag fiel, und würde begreifen, dass sie nicht so hatte sein wollen. Während Barbara sich das zurechtlegte, sah sie immer wieder den Teller vor sich, den Elodie für sie bereitgestellt hatte.

Barbara geht nachdenklich durch die abendliche Gasse, ihren Hut in den Händen.

An einer Straßenecke wurde ihr bewusst, dass sie noch lange nicht nach Hause wollte. Dort würde sie allein sitzen und auf den Anruf ihrer Schwester warten. Sie hätte zu erzählen, weshalb sie gegangen war, und müsste dabei hoffen, dass Evita nicht allzu genau nachfragte. Langsamer ging Barbara weiter. Hinter den Fenstern wurden die Lampen angezündet; in einer offenen Küche sah sie zwei Gestalten beim Abendessen, und plötzlich erinnerte sie sich an die Nacht, die sie nach dem Tod ihres Bruders bei Evita verbracht hatte. Am dritten Tag war sie von einer Führung zurückgekommen und am nächsten Morgen schon wieder abgereist. Es hatte gute Gründe gegeben: ein Hotel, das mit ihr rechnete, Gäste, die ihre Reise längst gebucht hatten. Evita hatte ihr zugehört und nichts verlangt. Lange hatte Barbara sich an dieses Schweigen gehalten, als hätte ihre Schwester sie ausdrücklich fortgeschickt.

Nun erinnerte sie sich auch an die Stunden, von denen sie später nie gesprochen hatte. Sie hatte damals gefragt, was noch zu erledigen sei, bereit, sich um alles zu kümmern, doch Evita hatte geantwortet, es sei nichts mehr zu tun. Danach hatten sie nebeneinandergesessen. Barbara hatte versucht, von einer Erinnerung an den Bruder zu erzählen, war mitten im Satz verstummt und hatte gewartet, dass Evita ihr half. Aber ihre Schwester hatte selbst nicht sprechen können. Wie froh Barbara am Morgen über die notwendige Abreise gewesen war, hatte sie sich später kaum eingestanden. In den Bergen kannte sie ihre Aufgabe. Hier hätte sie bleiben müssen, obwohl sie niemandem helfen konnte, hätte ihrer Schwester zeigen müssen, dass auch sie nicht wusste, wie ein Tag ohne den Bruder zu bestehen war. Und Elodie war geblieben. Barbara dachte an Elodie, die ihr nichts anderes hatte sagen wollen, als dass sie erwartet wurde. Sie hatte ihr nicht einmal erlaubt, sie damit zu trösten. Sie kehrte um, ohne sich noch zu überlegen, was sie sagen würde.

Elodie öffnete nicht sofort. Barbara hatte schon ein zweites Mal geklopft, als sie ihre Schritte hörte. Nun, da sie ihr gegenüberstand, hätte sie gern mit der Trauer begonnen, mit den versäumten Wochen und ihrer Enttäuschung darüber, Evita nicht anzutreffen. Aber all das hätte wieder Elodie verstehen müssen. »Verzeih mir«, sagte Barbara. »Ich habe dir Unrecht getan.« Elodie sah sie lange an. Sie tröstete sie nicht, und Barbara durfte nicht erwarten, dass sie es tat. Schließlich sagte Elodie, sie möchte den Abend ebenfalls mit Evita verbringen. Barbara nickte. »Darf ich noch einmal zu dir hereinkommen?« Elodie trat zur Seite. In der Küche stand die Suppe auf dem Herd, und an Barbaras Platz war nichts verändert worden. Sie setzte sich, noch unsicher, ob sie die richtigen Worte finden würde, und blieb zunächst still.

Barbara und Elodie sitzen nach Barbaras Rückkehr gemeinsam am Tisch.

Es war Elodie, die nach einer Weile von Evitas spätem Heimkommen sprach. Manchmal sei sie danach noch lange wach, auch wenn sie kaum gegessen habe. Barbara fragte, ob das früher schon so gewesen sei, nach dem Tod des Bruders. Elodie bejahte es und erzählte zunächst nur wenig. Evita hatte ihre Arbeit getan, Briefe beantwortet und an Verabredungen gedacht, die selbst Elodie entfallen waren. Doch wenn das Telefon läutete, war sie zuweilen mit einer Eile aufgestanden, die sich erst erklären ließ, als sie danach wie verloren im Vorzimmer stehen blieb. Für einen Augenblick hatte sie noch auf die Stimme ihres Bruders gehofft. Barbara hörte zu und dachte an all die Tage, an denen sie selbst zu beschäftigt gewesen war, um zu erfahren, wie es ihrer Schwester ging. Sie hätte jetzt von ihren Verpflichtungen erzählen können. Stattdessen fragte sie, ob Elodie in dieser Zeit gern bei Evita gewesen sei.

Elodie überlegte lange. Sie hatte Evita nicht allein lassen wollen, sagte sie, und sich doch oft nach Imaneona gesehnt. Einmal war Evita erst nach Mitternacht heimgekommen. Unter Elodies Tür hatte noch Licht hervorgeschienen, doch Evita hatte nicht geklopft; Elodie wiederum hatte im Zimmer auf ihre Schritte gehört und sich nicht hinausgewagt. Am nächsten Morgen hatten beide behauptet, nur früh aufgestanden zu sein. Sie waren lange beim Frühstück sitzen geblieben, und erst Wochen später hatten sie einander erzählt, dass keine von ihnen geschlafen hatte. Barbara stellte sich die beiden an diesem Tisch vor, erschöpft und bemüht, einander nicht zur Last zu fallen. Sie hatte geglaubt, Elodie sei hier sicher gewesen, weil sie geblieben war. Nun erfuhr sie, dass auch Elodie an manchen Abenden nicht gewusst hatte, ob sie die Nähe der anderen suchen durfte. Barbara hatte nie daran gedacht, dass Elodie in jener Zeit ebenfalls jemanden vermisst hatte. Sie fragte nach Imaneona und hörte, wie schwer der Abschied nach dem Begräbnis gewesen war. Von dort fanden sie zurück zu den letzten Wochen des Bruders, die Elodie noch mit ihm erlebt hatte.

Elodie erinnerte sich an einen Apfel, den er ihr geschält hatte. Er hatte behauptet, es komme nur auf das richtige Messer an, dann könne man die ganze Schale in einem einzigen Streifen abschneiden. »Und dann ist sie ihm gerissen«, sagte Barbara. Elodie nickte und erzählte, wie ungläubig er das Messer betrachtet hatte. In ihrem Ton lag etwas von seiner Empörung, so genau getroffen, dass Barbara lachen musste. Ja, so war er gewesen. Auch wenn er sich auf einem vertrauten Weg verirrt hatte, war es ihm leichter gefallen, an ein verändertes Straßenbild zu glauben als an seine eigene Unaufmerksamkeit. Barbara erinnerte sich an einen gemeinsamen Heimweg, auf dem er ihr lange hatte erklären wollen, weshalb sie beide nun in der falschen Straße standen. Sie begann davon zu erzählen und hörte dabei noch einmal, wie er ihren Namen ausgesprochen hatte, ungeduldig und liebevoll zugleich. Mitten im Satz kamen ihr die Tränen. Sie hätte ihm so gern noch einmal recht gegeben, hätte mit ihm jeden Umweg gemacht, wenn sie nur seine Stimme hätte hören können. Elodie ließ ihr Zeit, und Barbara brauchte sich nicht dafür zu entschuldigen, dass sie nicht gleich weitersprechen konnte.

Barbara erinnert sich an ihren Bruder, während Elodie ihr aufmerksam zuhört.

Als sie weitererzählte, fiel ihr mehr ein, als sie seit Langem von ihm berichtet hatte. Seine schlechten Witze, die Evita immer zuerst durchschaute, seine Freude über unverhofften Besuch und die Abende, an denen Barbara müde zu ihm gekommen war, ohne sich für diese Müdigkeit entschuldigen zu müssen. Bei ihrer Schwester hatte sie nach seinem Tod gefasst sein wollen. Hier suchte sie nach Worten, vergaß eine Einzelheit und begann noch einmal, und Elodie hörte zu, als hätte sie alle Zeit dafür. Später sagte sie, dass sie oft geglaubt habe, ihren Platz in der Wohnung durch Fürsorge verdienen zu müssen. Auch wenn die Schwestern beisammensaßen, suchte sie lieber nach etwas, das sie für beide tun konnte, als einfach bei ihnen zu bleiben. Barbara erinnerte sich an viele solcher Abende. Sie hatte Elodies Rücksicht angenommen und kaum danach gefragt, ob diese selbst etwas erzählen wollte. »Ich habe dich nie gefragt, wie es dir hier geht«, sagte sie leise. Elodie antwortete nicht gleich. Dann bat sie Barbara, noch von jenem gemeinsamen Heimweg zu erzählen. Sie wollte wissen, ob der Bruder sich am Ende hatte führen lassen, und Barbara erinnerte sich, wie feierlich er ihr den Vortritt gelassen hatte. Elodie lächelte. Diesen feierlichen Ton kannte sie auch.

Evita kam nach zehn Uhr. Sie hörte die beiden schon im Vorzimmer und blieb einen Augenblick in der Küchentür stehen, als der Name ihres Bruders fiel. Barbara machte ihr Platz. Sie erzählte ihr später auch von der Kränkung und ihrem Fortgehen, ohne beides mit dem schweren Tag zu entschuldigen. Elodie erwähnte nur, dass Barbara zurückgekommen sei. Beim Essen sprach Barbara von jenem Morgen, an dem sie nach dem Tod des Bruders so rasch wieder abgereist war. Evita sagte, sie hätte sie gern noch bei sich gehabt. Es war ein schlichter Satz, den Barbara damals nicht gehört hatte, weil sie gar nicht nach ihm gefragt hatte. Sie hörte ihn nun und blieb bei ihrer Schwester, während diese von den folgenden Tagen erzählte. Elodie saß neben ihnen. Manchmal fügte sie etwas hinzu, das Evita vergessen hatte, und Barbara wandte sich ihr zu, um auch das zu hören.

Einige Wochen später stand sie wieder vor dem Haus. Sie wusste, dass Evita bis zum Abend in der Praxis sein würde; diesmal hatten sie miteinander gesprochen. Barbara hatte frei und war schon zweimal an der Straße vorbeigekommen, ohne hinaufzugehen. Sie hätte gern einen Anlass gehabt, etwas abzugeben oder auszurichten, damit ihre Verlegenheit nicht gleich beim Öffnen der Tür sichtbar würde. Doch sie wollte Elodie sehen. Sie dachte an den Ton, in dem diese den Bruder nachgeahmt hatte, und an das Buch beim Fenster, nach dem sie sie noch immer nicht gefragt hatte. Als Elodie ihr öffnete, erklärte sie, Evita sei noch in der Praxis. Barbara lächelte. »Ich komme heute deinetwegen.« Einen Augenblick sah Elodie sie erstaunt an, dann bat sie sie herein. Am Fenster lag ihr Buch. Barbara fragte danach, und wenig später las Elodie ihr die ersten Seiten vor.

Elodie liest Barbara bei einem späteren Besuch am Fenster aus ihrem Buch vor.

Ende