
Aus der Galerie
Barbara Delius
Die Bergführerin
Barbara Delius arbeitet als selbständige Bergführerin für kleine Hotels und Gasthäuser. Umsichtig und erfahren prüft sie Wetter, Weg und Kräfte ihrer Begleiter, gibt auch unsicheren Menschen Halt und verwechselt Mut niemals mit Leichtsinn.
Barbara führt Menschen durch die Berge und gibt auch unsicheren Begleitern Halt.
Geschichten mit Barbara Delius
Der doppelte Auftrag
Wer in dieser Geschichte vorkommt
Barbara Delius lebte in derselben großen Stadt wie ihre Schwester Evita von Saldern. Bei Evita wohnte Elodie von Winterfeld. Barbaras Wohnung lag nicht in ihrer Nähe, doch an den Abenden, an denen Barbara zu Hause war, sahen die drei einander regelmäßig. Oft war sie allerdings unterwegs. Als Bergführerin arbeitete Barbara für kleine Hotels und Gasthäuser, deren Gäste die Wege nicht allein gehen wollten. Sie kannte leichte Strecken für ungeübte Wanderer ebenso gut wie lange Anstiege, bei denen jeder Schritt überlegt sein musste.
Evita hatte Barbara oft gebeten, einmal nicht nur von ihrer Arbeit zu erzählen, sondern einen Tag mit ihr und Elodie in den Bergen zu verbringen. Barbara sagte jedes Mal zu, sobald ihre nächsten Aufträge feststanden. Dann kam ein neuer Gast, eine veränderte Abreise oder eine Anfrage des Hotels, und aus dem gemeinsamen Tag wurde ein späterer Termin.
Im Frühjahr legten sie schließlich ein Wochenende fest. Barbara würde bereits in einem Berghotel wohnen und dort mehrere Gruppen begleiten. Der Samstag sollte frei bleiben. Evita sagte ihre Termine für diesen Tag ab. Elodie kaufte feste Schuhe und fragte Barbara zweimal, ob der Weg wirklich nicht schwierig sei. Barbara versprach eine ruhige Wanderung mit langen Pausen und einer Rückkehr vor dem Abendessen.
Evita und Elodie kamen am Freitag gegen Abend im Hotel an. Barbara wartete in der Halle. Sie freute sich sichtbar und führte beide sofort zu einem Fenster, von dem aus der Beginn des Weges zu sehen war. Am nächsten Morgen, erklärte sie, würden sie nach dem Frühstück aufbrechen. Das Wetter war ruhig, und der Weg war trocken.
Noch bevor das Gepäck auf die Zimmer gebracht worden war, bat der Hoteldirektor Barbara in sein Büro. Er erklärte, es sei kurzfristig eine wichtige Buchung eingetroffen.
Für den Samstag, sagte der Direktor, sei eine Reisegesellschaft von acht Personen eingetroffen. Die Gäste hätten ausdrücklich eine Führung mit Barbara gebucht. Sie erwarteten eine ganztägige Wanderung und wollten um neun Uhr aufbrechen.
Barbara antwortete, dass sie für diesen Tag keinen Auftrag angenommen habe.
Der Direktor erinnerte sie an ein Gespräch vor zwei Wochen. Er habe gefragt, ob sie während ihres gesamten Aufenthalts für besondere Buchungen zur Verfügung stehe. Barbara habe gesagt, man könne über einzelne Tage sprechen. Daraufhin habe er die Reisegesellschaft angenommen.
Barbara erinnerte sich an das Gespräch. Sie hatte zugleich erklärt, dass der Samstag ihrer Familie gehöre. Der Direktor bestritt dies nicht. Er meinte nur, er habe angenommen, nahe Angehörige würden für eine gut bezahlte Gruppe gewiss Verständnis haben. Evita und Elodie könnten ihren Ausflug auf den Sonntag verschieben.
Am Sonntag musste Evita nach dem Frühstück abreisen. Ihr erster Termin in der Praxis war für den frühen Nachmittag vereinbart. Elodie hätte länger bleiben können, wollte aber nicht ohne Evita wandern. Der Direktor wusste davon nichts. Er hatte nicht gefragt.
Barbara ging in die Halle zurück. Evita und Elodie saßen inzwischen an einem kleinen Tisch. Sie hatten Tee bestellt und betrachteten die Wegbeschreibung, die Barbara ihnen am Vortag geschickt hatte.
Barbara erklärte, dass es eine Schwierigkeit gebe. Das Hotel habe für den nächsten Tag eine Reisegesellschaft angenommen und dabei ihren Namen genannt. Vielleicht könnten sie ihre gemeinsame Wanderung verkürzen oder verschieben.
Evita fragte, auf welchen Tag Barbara sie verschieben wolle.
Barbara antwortete, der Sonntag wäre am einfachsten.
Evita erinnerte sie an ihre Abreise. Barbara hatte den Termin gekannt. In diesem Augenblick wurde ihr bewusst, dass sie ihn während des Gesprächs mit dem Direktor einfach beiseitegeschoben hatte.
Sie schlug vor, am Samstag sehr früh mit Evita und Elodie aufzubrechen und wenigstens zwei Stunden gemeinsam zu gehen. Währenddessen könne ein anderer erfahrener Führer des Hotels die Reisegesellschaft übernehmen; Barbara würde gegen zehn Uhr zu ihr stoßen.
Elodie fragte, ob Barbara einer fremden Gruppe denselben Vorschlag gemacht hätte.
Barbara antwortete nicht sofort. Einer fremden Gruppe hätte sie erklärt, dass eine zugesagte Führung vollständig oder gar nicht stattfinde. Von Evita und Elodie erwartete sie, dass zwei Stunden besser sein müssten als nichts.
Evita sagte ruhig, Barbara müsse ihre Verpflichtung gegenüber den Gästen klären. Sie und Elodie würden am nächsten Morgen entscheiden, ob sie allein einen Spaziergang machten oder im Hotel blieben.
Das Gespräch endete ohne Streit. Gerade das machte Barbara unruhig. Evita fragte nicht weiter nach der Wanderung. Elodie faltete die Wegbeschreibung zusammen und legte sie neben ihre Tasse. Beide sprachen beim Abendessen über die Rückfahrt und über ein Buch, das Elodie mitgebracht hatte. Niemand erwähnte den Samstag.
Barbara ging früh auf ihr Zimmer. Sie versuchte, einen Ablauf zu entwerfen, bei dem niemand ganz verzichten musste. Wenn sie mit Evita und Elodie um sieben Uhr aufbrach, konnte sie um halb zehn bei der Reisegesellschaft sein. Die Gruppe würde zunächst frühstücken und danach die Ausrüstung prüfen. Vielleicht bemerkte niemand, dass die Führung später begann.
Doch der Direktor hatte den Gästen neun Uhr zugesagt. Barbara hätte also auch ihnen gegenüber mit einer halben Wahrheit begonnen. Zudem konnte sie den gemeinsamen Weg mit Evita und Elodie nicht genießen, wenn sie währenddessen fortwährend auf die Uhr sah.
Am nächsten Morgen stand die Reisegesellschaft bereits vor dem Frühstück in der Halle. Einige Gäste trugen neue Wanderkleidung und Schuhe, andere hatten offensichtlich Erfahrung. Der Direktor begrüßte sie persönlich und stellte Barbara als die Bergführerin vor, derentwegen man diesen Aufenthalt gewählt habe.
Barbara hörte die Vorstellung vom oberen Ende der Treppe. Der Direktor sprach, als wäre alles vereinbart. Für einen Augenblick erwog sie, die Gruppe dennoch zu übernehmen. Evita und Elodie würden enttäuscht sein, aber sie kannten ihre Arbeit. Die Gäste dagegen hatten bezahlt und waren von weit her angereist.
Dann sah Barbara, wie Elodie aus dem Speisesaal kam und stehen blieb. Evita folgte ihr. Keine der beiden machte Barbara einen Vorwurf. Sie warteten nur darauf, welche Entscheidung sie treffen würde.
Barbara ging zum Direktor und bat ihn um ein Gespräch vor den Gästen. Der Direktor wollte in sein Büro ausweichen. Barbara lehnte ab. Die Reisegesellschaft sollte nicht noch länger an eine Vereinbarung glauben, die es nie gegeben hatte.
Sie erklärte den Gästen, dass das Hotel die Führung mit ihr angeboten habe, bevor sie den Termin bestätigt hatte. Für diesen Tag bestehe bereits eine private Verabredung. Der Fehler sei am Vorabend bekannt gewesen. Barbara habe zunächst versucht, beide Verpflichtungen miteinander zu verbinden, müsse nun aber einräumen, dass dies weder den Gästen noch ihrer Familie gegenüber verlässlich wäre.
Der Direktor fügte hinzu, das Hotel könne einen anderen erfahrenen Führer bereitstellen. Die Gruppe könne außerdem am Montag mit Barbara gehen oder die Buchung ohne Kosten ändern. Einige Gäste waren verärgert. Zwei hatten am Montag keine Zeit. Eine Dame fragte, weshalb man ihnen nicht schon am Vorabend Bescheid gegeben habe.
Barbara antwortete, sie selbst habe zu lange nach einer bequemen Lösung gesucht. Der Direktor sagte nichts dazu.
Nach einer kurzen Beratung entschieden sich fünf Gäste für die Wanderung mit dem anderen Führer. Drei wollten am Montag mit Barbara gehen. Der Direktor ließ die geänderten Vereinbarungen am Empfang festhalten. Er war höflich, aber sein Gesicht blieb verschlossen.
Als die Gruppe sich entfernte, sagte er zu Barbara, das Hotel werde wegen ihrer Richtigstellung mehrere Ausgaben tragen müssen.
Barbara erwiderte, dass sie den Montag nur übernehmen werde, wenn die Gäste den Termin ausdrücklich bestätigten. Über weitere Buchungen müsse das Hotel künftig mit ihr sprechen, bevor ihr Name genannt werde. Der Direktor erinnerte sie daran, dass auch sie von den Aufträgen des Hauses lebte.
Barbara wusste das. Gerade deshalb hatte sie am Abend zuvor gezögert. Sie erklärte, sie wolle weiterhin für das Hotel arbeiten. Eine Zusammenarbeit, bei der ihre freien Tage ohne Rückfrage verkauft würden, könne sie jedoch nicht fortsetzen.
Der Direktor bat um Zeit bis zum Abend. Barbara stimmte zu. Danach ging sie zu Evita und Elodie, die nahe der Eingangstür warteten.
Sie entschuldigte sich nicht für die falsche Buchung des Direktors. Dafür war sie nicht verantwortlich. Sie entschuldigte sich dafür, dass sie zuerst von Evita und Elodie erwartet hatte, die Folgen zu tragen. Sie hatte angenommen, ihre Familie werde nachgeben, weil sie ihre Lage verstand.
Evita antwortete, sie habe durchaus verstanden, weshalb Barbara gezögert hatte. Gerade deshalb sei es schmerzlich gewesen, dass Barbara ihre gemeinsame Zeit als den Teil betrachtete, den man am leichtesten verkürzen könne.
Elodie sagte, sie habe sich nicht nach einer Bergwanderung gesehnt, sondern nach einem Tag, an dem Barbara nicht fortgerufen werde. Zwei eilige Stunden hätten diesen Wunsch nicht erfüllt.
Barbara hörte beide an, ohne sich zu verteidigen. Dann fragte sie, ob sie noch aufbrechen wollten. Es war inzwischen später als geplant, doch der gewählte Weg ließ sich ohne Eile bis zum Nachmittag gehen.
Sie verließen das Hotel kurz nach zehn Uhr. Barbara ging nicht voraus, sondern neben Evita. Elodie blieb auf den ersten Abschnitten dicht bei ihnen. Der Weg stieg langsam an, führte durch einen lichten Wald und später über eine breite Höhe. Barbara erklärte nur, was für den Weg notwendig war. Sie nannte die Stellen, an denen der Boden uneben wurde, und ließ genügend Zeit für Pausen.
Beim Mittagessen sprachen sie über die große Stadt. Barbara erzählte, wie oft sie nach einer langen Reise noch am selben Abend allein in ihre Wohnung zurückkehrte und sich vornahm, Evita am nächsten Morgen anzurufen. Evita berichtete, dass sie Barbara häufig nicht stören wollte, weil sie deren Abwesenheiten für ein Zeichen von Überlastung hielt. Beide hatten Rücksicht genommen und sich dadurch seltener gesehen, als sie eigentlich wollten.
Elodie schlug vor, künftig einen gemeinsamen Abend festzulegen, der nicht erst dann stattfinden sollte, wenn zufällig keine andere Verpflichtung bestand. Barbara sagte zu. Diesmal nannte sie selbst den ersten Termin.
Am Nachmittag kehrten sie zum Hotel zurück. Der Direktor wartete in der Halle. Er erklärte, das Haus werde Barbara weiterhin beschäftigen. Künftig sollten Buchungen erst nach ihrer schriftlichen Bestätigung angenommen werden. Die drei Gäste für Montag hatten den neuen Termin bestätigt.
Barbara nahm den Auftrag an. Danach fragte der Direktor, ob sie im folgenden Monat für eine weitere Gesellschaft zur Verfügung stehe.
Barbara nannte nicht sofort einen Tag. Sie ging zuerst zu Evita und Elodie und prüfte mit ihnen den vereinbarten Abend in der großen Stadt. Erst danach kehrte sie zum Direktor zurück.