Eine Begegnungsgeschichte

Die Abreise

Siegfried bietet Florentine Arbeit an, weil er sich scheut, sie aus Zuneigung zum Bleiben zu bitten.

Geschichten mit diesen Wollwesen
Florentine von Salis und Siegfried Velten begegnen einander während Florentines Reise.
Wer in dieser Geschichte vorkommt

Die Abreise

Florentine von Salis begleitete Luise von Plessen zu einem sechswöchigen Aufenthalt in einem kleinen Hotel, das am Rand eines weitläufigen Gutsgartens lag. Luise hatte das Haus gewählt, weil es ruhig war, gute Zimmer besaß und seinen Gästen erlaubte, die benachbarten Gärten am Nachmittag zu besuchen. Sie liebte Rosen, ohne den Ehrgeiz zu haben, ihre Namen zu behalten, und Florentine wusste, dass ihr gerade diese Freude wohltat.

Florentine bewohnte wie immer ein eigenes Zimmer. Die Vormittage und die Abende gehörten Luise; an den Nachmittagen konnte Florentine über ihre Zeit verfügen. Diese klare Einteilung hatte sich über Jahre bewährt. Luise wollte eine Gesellschafterin, keine Aufseherin, und Florentine hatte nie verlangt, unentbehrlich zu sein. Wenn Luise nach dem Mittagessen ruhte oder Briefe schrieb, ging Florentine allein aus.

Am zweiten Tag führte ihr Weg in den Rosengarten. Hinter einer niedrigen Mauer lagen lange Beete, ein altes Glashaus und mehrere schmale Wege, die nicht für die Besucher bestimmt waren. Auf einem dieser Wege stand Siegfried Velten und prüfte eine Reihe junger Pflanzen. Er trug eine Schere in der Hand, benutzte sie jedoch nicht. Man konnte ihm ansehen, dass er zuerst lange betrachtete, ehe er etwas entfernte.

Florentine fragte nach dem kürzesten Weg durch den Garten. Luise würde am folgenden Nachmittag gern mitkommen, könne aber nicht lange stehen und wolle keinesfalls mit einem Wagen gefahren werden.

Siegfried erklärte ihr den Weg bis zu einer steinernen Bank nahe dem Glashaus. Danach hielt er inne und fragte, ob Luise auch wieder zum Hotel zurückkehren müsse. Florentine bejahte es. Siegfried sah auf den Plan, den man ihr am Eingang gegeben hatte, strich mit dem Finger über zwei Kreuzungen und erklärte, die dort eingezeichnete Runde sei für einen ruhigen Besuch zu lang. Er werde am nächsten Tag das kleine Seitentor öffnen. Dadurch spare Luise fast die Hälfte des Rückwegs.

Florentine bedankte sich. Siegfried antwortete, ein Gartenweg müsse zu den Menschen passen, die ihn benutzten. Dann wandte er sich wieder seinen Pflanzen zu.

Am folgenden Nachmittag erwartete er beide Frauen am Seitentor. Luise ging langsam, aber ohne Hilfe. Siegfried richtete seine Erklärungen an sie und nicht an Florentine, woran Luise augenblicklich Gefallen fand. Er sprach wenig über Schönheit und viel über Arbeit: über die Erde, die nach dem Regen zu schwer wurde, über eine Sorte, die mehr versprach, als sie hielt, und über eine junge Rose, deren kräftiger Wuchs noch kein Beweis für gute Blüten sei.

Luise hörte eine Stunde lang zu. Auf dem Rückweg erklärte sie Florentine, Herr Velten sei ein angenehmer Mann, weil er von Blumen spreche, als müsste er niemanden von ihnen überzeugen. Danach blieb sie einige Tage im Hotel und überließ Florentine ihre Nachmittage.

Florentine kehrte in den Garten zurück. Anfangs geschah es ohne Verabredung. Sie ging denselben Weg, setzte sich mit einem Buch auf die Bank und grüßte Siegfried, wenn er vorüberkam. Bald blieb er stehen. Er fragte, was sie lese, und hörte der Antwort mit jener Genauigkeit zu, die er sonst vermutlich nur einer neuen Züchtung widmete. Florentine bemerkte, dass er nie aus Höflichkeit nach etwas fragte, das ihn nicht interessierte. Seine Gespräche waren deshalb nicht mühelos, aber verlässlich.

Nach einer Woche setzte er sich zum ersten Mal zu ihr auf die Bank. Von diesem Tag an tat er es häufig. Sie sprachen über die Häuser, in denen Florentine gearbeitet hatte, über Siegfrieds Rosenschauen und über jene sonderbare Form von Müdigkeit, die nicht aus zu viel Arbeit entsteht, sondern daraus, dass ein Mensch zu lange nur das tut, was er gut kann.

Florentine erzählte ihm, dass sie ihre Tätigkeit mochte. Sie reiste gern, lernte neue Häuser kennen und schätzte Beziehungen, die auf einer klaren Vereinbarung beruhten. Siegfried fragte, ob es sie nicht ermüde, immer wieder abzureisen. Florentine antwortete, auch das Bleiben könne ermüden, wenn andere es für selbstverständlich hielten.

Siegfried widersprach nicht. Er wusste inzwischen, dass eine Arbeit nicht dadurch kleiner wurde, dass sie neben seiner eigenen geschah, und dass Anerkennung sehr genau sein musste, wenn sie gerecht sein wollte. Im Umgang mit Florentine half ihm diese Erkenntnis zunächst wenig. Er erkannte ihre Unabhängigkeit, doch je näher der Montag ihrer Abreise kam, desto stärker wünschte er, sie möge bleiben.

Auch Florentine begann, ihre Tage anders einzuteilen. Sie schrieb ihre Briefe am Vormittag, damit der Nachmittag frei blieb. Wenn Luise einen Ausflug plante, fragte Florentine zuerst, ob er bis zum Abend dauern werde. Sie tat dies unauffällig und sagte sich, die Stunden im Garten seien nur deshalb so angenehm, weil niemand etwas von ihnen verlangte.

In der vierten Woche wurde Siegfried während eines ihrer Gespräche von mehreren Hotelgästen unterbrochen. Die Besucher wollten wissen, weshalb einige Beete abgesperrt waren, welche Rosen sie bestellen könnten und ob Siegfried am folgenden Nachmittag eine Führung übernehmen werde. Er beantwortete die erste Frage knapp, die zweite unvollständig und die dritte gar nicht. Florentine erklärte den Gästen, dass die jungen Pflanzen nicht betreten werden dürften, und verwies sie wegen einer Führung an das Hotel. Nachdem die Gruppe gegangen war, sagte Siegfried, Florentine habe in wenigen Minuten mehr Ruhe in die Angelegenheit gebracht, als ihm selbst gelungen wäre.

In der letzten Woche fragte Siegfried sie, ob die Abreise am Montag endgültig feststehe. Florentine bejahte es. Luise hatte den nächsten Aufenthalt bereits vereinbart, und Florentine selbst wollte vorher einige Tage zu Hause verbringen.

Siegfried sagte, sie könne auch bleiben. Das Hotel habe im Sommer genügend freie Zimmer, und im Garten brauche er jemanden, der an zwei Nachmittagen in der Woche die Besucher empfange. Florentine kenne inzwischen die Wege, wisse mit den Gästen umzugehen und müsse ihre übrige Zeit niemandem erklären. Er habe bereits überlegt, welches Honorar angemessen wäre.

Sein Vorschlag war sorgfältig durchdacht. Siegfried hatte sich an alles erinnert, was Florentine ihm über ihre Arbeit erzählt hatte: an das eigene Zimmer, die geregelte Aufgabe und die freie Zeit. Gerade deshalb hörte sie deutlich, welche Frage er vermied.

„Sie haben an alles gedacht, Herr Velten“, sagte sie. „Außer daran, mich zu fragen, ob ich Ihretwegen bleiben möchte.“

Siegfried antwortete, er habe sie nicht in eine unangenehme Lage bringen wollen. Eine geregelte Aufgabe gebe ihr einen eigenen Grund zu bleiben.

Florentine erwiderte, eine solche Vereinbarung gebe ihr vor allem eine Aufgabe. Wenn er ihre Gesellschaft wünsche, müsse er ihr das sagen. Wenn er nur ihre Hilfe im Garten brauche, habe sie bereits geantwortet.

Siegfried schwieg zu lange. Er war gewohnt, eine unvollkommene Pflanze noch ein Jahr zu beobachten, ehe er über sie urteilte. Bei einem Menschen war diese Geduld nicht immer eine Tugend. Florentine lehnte die Aufgabe ab. Dann wünschte sie ihm eine gute Nacht und ging zu Luise.

In den folgenden Tagen besuchte Florentine den Garten nicht mehr. Sie verbrachte die freien Nachmittage im Hotel, schrieb Briefe oder ging am Fluss entlang. Luise bemerkte die Veränderung, stellte jedoch keine Frage. Erst am Sonntagabend, als Florentine ihr beim Ordnen der Reiseunterlagen half, sagte sie, der Wagen werde sie am nächsten Morgen um halb zehn zum Bahnhof bringen.

Florentine bestätigte die Zeit.

Luise fragte, ob Herr Velten davon wisse.

Florentine antwortete, der Montag ihrer Abreise sei seit sechs Wochen bekannt.

Luise ließ es dabei bewenden. Sie war eine Frau, die eine andere nicht zum Bleiben überredete, bloß weil ihr ein Abschied missfiel. Später legte sie Florentine die Fahrkarten auf den Tisch und sagte nur, das Hotel werde ihr Gepäck um neun Uhr hinunterbringen.

Am Montagmorgen frühstückte Florentine mit Luise im kleinen Speisesaal. Sie hatte schlecht geschlafen, zeigte es aber nicht. Um neun Uhr wurden die Koffer in die Halle gebracht. Der Direktor verabschiedete beide. Von Siegfried war nichts zu sehen.

Florentine hatte keine Verabredung mit ihm. Dennoch blickte sie zweimal durch die Glastür zum Weg, der in den Garten führte. Als der Wagen vorfuhr, half sie Luise beim Einsteigen und setzte sich ihr gegenüber. Erst als sie das Hotel hinter sich ließen, erlaubte sie sich den Gedanken, dass Siegfried ihre Abreise ebenso sachlich hingenommen hatte wie ihre Antwort.

Siegfried erfuhr im Glashaus, dass der Wagen bereits fort war. Er hatte am Morgen eine Lieferung prüfen wollen und sich eingeredet, er werde rechtzeitig im Hotel sein. In Wahrheit hatte er gehofft, Florentine werde vor der Abreise noch einmal in den Garten kommen. Zum ersten Mal fiel ihm auf, wie bequem es gewesen war, immer darauf zu warten, dass Florentine den Weg zu ihm nahm.

Er ging zum Hotel. Der Direktor erklärte, der Zug fahre erst in vierzig Minuten. Siegfried bat um einen Wagen. Während der Fahrt versuchte er, einen Satz vorzubereiten, der Florentine nicht bedrängte und dennoch nichts verschwieg. Jeder Satz, den er fand, begann mit einer Erklärung. Jede Erklärung machte sein Zögern vernünftiger, als es gewesen war.

Am Bahnhof stand Luise unter dem Vordach, während Florentine das Gepäck aufgeben ließ. Siegfried trat auf beide Frauen zu. Sein Mantel war am Ärmel mit Erde beschmutzt, und er hatte den Hut im Wagen vergessen. Luise begrüßte ihn, nahm ihre Fahrkarte und ging zum Bahnsteig. Sie tat es ohne Hast, aber auch ohne Florentine anzusehen.

Siegfried sagte, er sei nicht gekommen, um Florentine das Angebot noch einmal zu machen.

Florentine wartete.

Er erklärte, er habe ihre Arbeit vorgeschoben, weil er ihr nicht zumuten wollte, auf einen persönlichen Wunsch antworten zu müssen. Dabei habe er nicht bemerkt, dass er ihr damit etwas anderes zugemutet hatte: die Vermutung, er wolle sie nur behalten, solange sie ihm nützlich sei.

Dann sagte er, dass er ihre Gesellschaft vermissen werde. Nicht ihre Hilfe bei den Besuchern, nicht ihre ruhige Art im Garten und nicht die Möglichkeit, seine Nachmittage mit ihren freien Stunden zu verbinden. Er werde sie vermissen, auch wenn sie in keinem einzigen Sommer für das Hotel arbeite.

Florentine sah ihn lange an. Sie hätte sich ein früheres Wort gewünscht, eines auf der Bank oder im Glashaus, als noch mehrere Wochen vor ihnen lagen. Doch sie erkannte, welche Überwindung ihn dieses späte Wort kostete, und wollte es nicht dadurch entwerten, dass sie nur seine Verspätung maß.

Sie sagte, sie werde dennoch abreisen. Luise habe den nächsten Aufenthalt längst vereinbart, und Florentine selbst habe Verpflichtungen angenommen. Sie werde ihr Leben nicht ändern, um zu prüfen, ob ein Gefühl den Alltag überstand.

Siegfried antwortete, das verlange er nicht.

Florentine nannte ihm das Hotel, in dem sie im Oktober mit Luise wohnen würde. Es lag mehrere Stunden entfernt. Falls er sie besuchen wolle, müsse er selbst reisen. Sie könne ihm dort keinen Garten zeigen und keine Aufgabe geben. Ihre freien Nachmittage würden jedoch wiederum ihr gehören.

Der Zug wurde angekündigt. Siegfried begleitete Florentine zum Bahnsteig, trug aber nicht ihre Tasche, nachdem sie erklärt hatte, sie sei leicht. Luise saß bereits im Abteil. Florentine stieg ein und öffnete das Fenster.

Siegfried versprach nicht, im Oktober zu kommen. Er sagte nur, er werde ihr schreiben, sobald er den Termin kenne. Florentine nickte. Dann fuhr der Zug ab.

In den ersten Wochen erhielt sie zwei Briefe von ihm. Der erste berichtete knapp vom Garten und enthielt eine genaue Entschuldigung dafür, dass er ihren Namen genannt hatte, bevor er sie fragte. Im zweiten stand ein Datum. Siegfried hatte im Oktober für drei Nächte ein Zimmer in jenem Hotel gebucht, das Florentine ihm genannt hatte.

Er kam an einem Donnerstag an. Florentine begleitete Luise am Vormittag zu einem Besuch und kehrte erst nach dem Mittagessen zurück. Siegfried wartete nicht in der Halle. Er hatte sein Gepäck auf das Zimmer gebracht und war spazieren gegangen, weil er wusste, dass Florentines freie Zeit erst um drei Uhr begann.

Pünktlich um drei trafen sie einander vor dem Hotel. Siegfried fragte, wie weit Florentine gehen wolle. Sie schlug den Weg am Fluss vor, der in einer Stunde zurückführte. Am Abend musste sie mit Luise zu einer Einladung.

Siegfried nahm die Zeit an, ohne eine Verlängerung vorzuschlagen. Sie gingen nebeneinander los. Florentine erzählte ihm von dem Haus, Siegfried von einer Rose, deren Wuchs noch immer zu schwach war. Nach einer Weile sprachen sie nicht mehr über ihre Arbeit.

Als sie zum Hotel zurückkehrten, war es kurz vor vier. Luise saß am Fenster und las. Sie blickte auf, als Florentine und Siegfried eintraten, und fragte, ob Herr Velten am folgenden Nachmittag wiederkommen werde.

Siegfried sah Florentine an, bevor er antwortete.

Florentine sagte, ihre freie Zeit beginne um drei Uhr.

Siegfried bedankte sich für die Auskunft. Am nächsten Tag wartete er um drei Uhr vor dem Hotel.

Weitere Figuren
  • Luise von PlessenFlorentine begleitet sie auf Reisen.