
Aus der Galerie
Siegfried Velten
Der Rosenzüchter
Siegfried Velten hat einen großen Teil seines Lebens der Rosenzucht gewidmet. Kenntnisreich und geduldig bemerkt er an seinen Pflanzen selbst kleine Veränderungen, lange bevor sie für andere sichtbar werden.
Siegfried widmet sein Leben den Rosen und bemerkt selbst ihre kleinsten Veränderungen.
Geschichten mit Siegfried Velten
Der fehlende Name
Wer in dieser Geschichte vorkommt
- Siegfried Velten
- CäcilieEine erfahrene Gärtnerin, die die beschädigte Rosenzüchtung rettet und auf der sachlichen Nennung ihrer eigenen Arbeit besteht.
Nach einer stürmischen Nacht lagen am Morgen abgerissene Zweige auf den Wegen, und vor dem Glashaus hatte sich Wasser gesammelt. Im geschützten Teil des Rosengartens hatte sich eine Abdeckung gelöst.
Dort standen die jungen Züchtungen. Siegfried Velten hatte sie selbst ausgelesen, zurückgeschnitten und über drei Winter beobachtet. Unter ihnen befand sich eine weiße Rose, deren Blütenblätter selbst bei feuchtem Wetter nicht bräunlich wurden. Sie war noch nicht vollkommen. Ihr Wuchs war zu schwach, und manchmal öffnete sich die letzte Knospe erst, wenn die erste bereits zu welken begann. Doch Siegfried war überzeugt, dass ein weiteres Jahr genügen würde.
Mehrere Pflanzgefäße waren umgestürzt, die jungen Triebe waren abgeknickt, und von der weißen Rose war nur ein stark beschädigter Stumpf geblieben. Siegfried kniete neben ihr nieder, prüfte das Holz und stand wieder auf. Er tat es ohne Hast. Seine Enttäuschung zeigte sich nicht in Klagen, sondern in jener besonderen Genauigkeit, mit der er Anweisungen gab, wenn nichts mehr zu retten war.
Cäcilie, die seit vielen Jahren mit ihm arbeitete, fragte, ob sie die beschädigte Pflanze noch in das kleine Anzuchthaus bringen solle.
„Nein“, antwortete Siegfried. „Dafür ist es zu spät.“
Er wandte sich den übrigen Rosen zu. Bis zum Mittag wurden die umgestürzten Gefäße aufgerichtet, die Wege geräumt und jene Pflanzen gestützt, deren Wurzeln unversehrt geblieben waren. Niemand sprach noch von der weißen Rose. Siegfried vermerkte in seinem Zuchtbuch, dass sie nach den Schäden dieser Nacht verloren sei.
Cäcilie hatte beim Aufräumen an einem abgebrochenen Zweig ein einziges festes Auge entdeckt. Es war kaum mehr als eine kleine Verdickung unter der Rinde. Sie wusste, weshalb Siegfried die Pflanze aufgegeben hatte. Selbst wenn das Auge noch lebte, konnte niemand sagen, ob es eine Veredelung überstehen würde. Dennoch legte sie den Zweig in ein feuchtes Tuch und nahm ihn mit in das alte Anzuchthaus hinter der Mauer.
Sie sagte Siegfried zunächst nichts davon, weil sie erst feststellen wollte, ob das Auge die Veredelung überstand. Sie wählte eine kräftige Unterlage, setzte das Auge ein und schützte die Stelle vor der Kühle der folgenden Nächte. In den nächsten Wochen prüfte sie morgens und abends, ob die Rinde noch glatt anlag. Zunächst geschah nichts. Dann blieb der kleine Schild grün, und schließlich zeigte sich ein Trieb.
Als Cäcilie Siegfried die junge Pflanze brachte, war der Herbst bereits so weit fortgeschritten, dass im Garten nur noch wenige späte Rosen blühten. Sie stellte den Topf auf seinen Arbeitstisch. Siegfried sah zuerst die Veredelungsstelle, dann das neue Blatt und zuletzt Cäcilie an.
Er fragte zweimal, ob sie gewiss sei, dass das Auge von der weißen Rose stamme. Cäcilie nannte ihm den Tag, die Stelle am beschädigten Zweig und die Unterlage, die sie verwendet hatte. Siegfried prüfte die Veredelungsstelle lange und ließ sich jeden Arbeitsschritt genau erklären.
„Sie haben meine Rose gerettet“, sagte Siegfried.
Cäcilie antwortete, sie habe ein Auge gerettet. Ob daraus wieder seine Rose werde, müsse sich erst zeigen.
Siegfried hörte den Unterschied, maß ihm jedoch keine Bedeutung bei. Für ihn war die Pflanze die Fortsetzung dessen, was er über Jahre geschaffen hatte. Er dankte Cäcilie und stellte den Topf an den besten Platz im großen Glashaus. Von diesem Tag an prüfte er den Trieb selbst. Cäcilie überließ ihm die Pflanze, gab aber weiterhin acht, ob die Verbindung mit der Unterlage kräftig blieb.
Im folgenden Frühjahr entwickelte sich die Rose besser, als Siegfried erwartet hatte. Der neue Wuchs war kräftiger als jener der verlorenen Pflanze, und die ersten Knospen saßen gleichmäßig. Als sich die Blüten öffneten, blieben sie auch nach zwei regnerischen Tagen hell. Siegfried begann wieder von einer Anmeldung zur großen Rosenschau zu sprechen, die jedes Jahr in einem anderen Gutshaus veranstaltet wurde.
Die Schau war kein lautes Fest. Züchter, Gärtner und Besitzer bedeutender Gärten kamen dorthin, um neue Sorten zu prüfen. Wer eine Rose anmeldete, musste Herkunft, Kreuzung und Aufzucht genau beschreiben. Siegfried hatte dort bereits mehrfach ausgestellt. Sein Name war bekannt, und niemand zweifelte daran, dass eine von ihm eingereichte Pflanze mit großer Sorgfalt gezogen worden war.
Er füllte die Anmeldung an einem Abend in der Bibliothek des Gutshauses aus. Unter „Name des Züchters“ schrieb er: Siegfried Velten. Die Zeile darunter, in der nach einer besonderen Beteiligung an der Aufzucht gefragt wurde, ließ er frei. Cäcilie war währenddessen im Glashaus und befestigte die Triebe für den Transport.
Zwei Wochen später traf die vorläufige Bestätigung ein. Die Rose war angenommen, doch die Veranstalter baten um ergänzende Angaben. Da die eingereichte Pflanze auf einer neuen Unterlage stand und sich auffallend kräftig entwickelt hatte, wollten sie wissen, wann und auf welche Weise die Veredelung erfolgt war. Siegfried ging mit dem Schreiben zu Cäcilie.
Cäcilie holte ihre Aufzeichnungen aus dem Anzuchthaus. Sie hatte jeden Schritt vermerkt: das Auffinden des Auges, die Beschaffenheit des Holzes, die gewählte Unterlage, die Temperatur der ersten Wochen und den Tag, an dem der neue Trieb erschienen war. Siegfried las die Seiten zweimal. Erst jetzt sah er, dass Cäcilie nicht nur einen letzten Versuch unternommen hatte. Sie hatte eine andere Unterlage gewählt, als er gewöhnlich verwendete, und die junge Pflanze länger kühl gehalten, als er es geraten hätte. Gerade diese beiden Entscheidungen hatten vermutlich ihren kräftigeren Wuchs ermöglicht.
Siegfried sagte, er werde die Angaben in seiner Antwort zusammenfassen.
Cäcilie fragte, ob er auch ihren Namen ergänzen werde.
Die Frage überraschte ihn weniger durch ihren Inhalt als durch ihre Ruhe. Cäcilie hatte nie verlangt, in seinen Zuchtbüchern genannt zu werden. Sie war für ihre Arbeit bezahlt worden, und Siegfried hatte stets angenommen, dass damit auch geklärt sei, wem das Ergebnis dieser Arbeit zugerechnet wurde.
Er erklärte, die Rose stamme aus seiner Kreuzung und aus jahrelanger Auslese. Cäcilie widersprach dem nicht. Sie sagte lediglich, die Pflanze, die nun zur Schau gebracht werde, wäre ohne ihre Veredelung nicht vorhanden. Zudem beruhe ihre neue Stärke auf Entscheidungen, die sie selbst getroffen habe.
Siegfried bot ihr eine besondere Vergütung an. Er nannte eine Summe, die keineswegs gering war, und versprach, den Gutsverwalter noch am selben Tag zu unterrichten. In seinem Verständnis war dies Anerkennung: eine sichtbare, gerechte Belohnung für eine außergewöhnliche Leistung.
Cäcilie lehnte ab.
„Ich möchte nicht mehr Geld für eine Arbeit, die unter Ihrem Namen erscheint“, sagte Cäcilie. „Ich möchte, dass mein Name bei meiner Arbeit steht.“
Siegfried erwiderte, auf einer Anmeldung könne nicht jede helfende Hand genannt werden. Ein Rosengarten entstehe nie durch einen Menschen allein. Auch er habe bei früheren Züchtungen von der Arbeit anderer profitiert, ohne dass jemand darin ein Unrecht gesehen habe.
Cäcilie antwortete, es gehe nicht um jedes Gießen und jeden Schnitt. Es gehe um jene Entscheidung, ohne die genau diese Rose nicht mehr lebte.
Siegfried nahm ihre Aufzeichnungen an sich und ging. Er war nicht zornig, doch er fühlte sich missverstanden. Für ihn blieb die jahrelange Züchtung die eigentliche Leistung; Cäcilies Rettung betrachtete er als wichtigen, aber nachgeordneten Teil.
Am nächsten Morgen schrieb er an die Veranstalter. Er beschrieb die Veredelung genau und erwähnte, sie sei von seiner erfahrenen Gärtnerin ausgeführt worden. Ihren Namen setzte er nicht hinzu. Danach bat er den Verwalter, Cäcilie die angebotene Vergütung auszuzahlen.
Cäcilie nahm auch das Geld nicht an. Sie arbeitete weiter wie bisher, doch an der Vorbereitung für die Rosenschau beteiligte sie sich nicht mehr. Als Siegfried sie bat, die Pflanze drei Tage vor dem Transport noch einmal zu prüfen, sagte sie, dazu müsse sie ihre Aufzeichnungen zurückhaben. Die Veranstalter würden womöglich weitere Fragen stellen, und sie wolle nicht, dass aus ihren Notizen Antworten unter einem fremden Namen würden.
Nun fehlten Siegfried entscheidende Angaben für die weitere Vorbereitung. Er kannte die Pflanze seit dem Herbst, aber nicht ihre ersten Wochen. Ohne Cäcilies Beobachtungen konnte er weder den Erfolg der Veredelung noch den kräftigeren Wuchs vollständig erklären. Zum ersten Mal musste er sich eingestehen, dass seine Anmeldung fachlich unvollständig war.
Siegfried erwog, die Rose von der Schau zurückzuziehen. Er hätte schreiben können, sie sei noch nicht bereit. Niemand hätte seine Anmeldung beanstandet, und im nächsten Jahr ließe sich alles neu ordnen. Der Gedanke erleichterte ihn für einige Stunden. Dann begriff er, dass ein Rückzug nur seinen Namen vor einer Berichtigung schützen würde. Cäcilies Anteil bliebe weiterhin ungenannt, und er selbst müsste ein Jahr lang so tun, als sei die Sache durch Vorsicht entschieden worden.
Am Abend suchte er Cäcilie im Anzuchthaus auf. Sie arbeitete an jungen Rosenstöcken und legte das Messer erst beiseite, als Siegfried vor ihrem Tisch stehen blieb.
Siegfried sagte, er könne die Anmeldung zurücknehmen.
Cäcilie antwortete, das sei seine Entscheidung. An dem fehlenden Namen ändere sie nichts.
Zum ersten Mal verstand er, dass sie ihm die Rose nicht streitig machte. Sie verlangte auch keine Entschuldigung für viele vergangene Jahre. Sie verlangte nur, dass ihre konkrete Arbeit bei dieser Pflanze genannt wurde. Weil ihre Forderung so genau begrenzt war, konnte Siegfried sie nicht länger als Angriff auf sein Lebenswerk verstehen.
Noch in derselben Nacht schrieb Siegfried einen zweiten Brief an die Veranstalter. Er erklärte, die Angaben zur Aufzucht seien unvollständig gewesen. Die Kreuzung und Auslese stammten von ihm; Cäcilie habe die verlorene Züchtung durch ihre Veredelung erhalten und ihre weitere Entwicklung entscheidend beeinflusst. Er bat darum, ihren Namen mit genau dieser Beteiligung in die Anmeldung aufzunehmen. Falls das nach Ablauf der Frist nicht möglich sei, solle die Rose außer Wertung gezeigt oder zurückgewiesen werden.
Die Antwort kam zwei Tage später. Der gedruckte Katalog konnte nicht mehr geändert werden. Die Anmeldung selbst werde jedoch berichtigt, und am Stand müsse ein ergänzender Hinweis angebracht werden. Ob die Rose gewertet werde, entscheide die Leitung am Tag der Schau.
Siegfried las den Brief gemeinsam mit Cäcilie. Er sagte ihr, dass er die unvollständige Anmeldung selbst erklären werde. Cäcilie nahm ihre Aufzeichnungen wieder an sich und begann noch am selben Vormittag mit der Vorbereitung der Pflanze.
Bei der Rosenschau stand im Katalog nur Siegfrieds Name. Neben der Pflanze lag jedoch die berichtigte Anmeldung, die Siegfried als Züchter und Cäcilie als verantwortlich Beteiligte an Rettung und Aufzucht nannte. Als die Prüfer kamen, erläuterte Siegfried zunächst die Kreuzung und die jahrelange Auslese. Danach trat er einen Schritt zurück und bat Cäcilie, von der Rettung und der Veredelung zu berichten.
Cäcilie sprach knapp und sachlich. Sie übertrieb ihren Anteil nicht und verkleinerte seinen nicht. Die Prüfer stellten mehrere Fragen zur Unterlage und zur kühlen Führung der jungen Pflanze. Zwei davon konnte nur Cäcilie beantworten.
Die Rose erhielt keinen ersten Preis. Ihre Blüten waren schön und widerstandsfähig, doch der Wuchs musste noch über ein weiteres Jahr beobachtet werden. Sie bekam eine besondere Anerkennung für die gelungene Erhaltung einer beinahe verlorenen Züchtung. Auf der Urkunde standen beide Namen.
Siegfried nahm das Ergebnis ohne Enttäuschung entgegen. Während der Rückfahrt dachte er an die Vergütung, die er Cäcilie angeboten hatte. Damals hatte er nicht verstanden, dass sie kein zusätzliches Geld, sondern die sachliche Nennung ihrer eigenen Arbeit verlangt hatte.
Im folgenden Frühjahr meldete Siegfried eine weitere Rose zur Prüfung an. Die Kreuzung und Auslese stammten allein von ihm. Er setzte nur seinen Namen darunter. Bei einer zweiten Pflanze hatte Cäcilie die Unterlage gewählt und die Aufzucht verändert. Bevor Siegfried das Formular ausfüllte, legte er es auf ihren Arbeitstisch und fragte, wie ihr Anteil bezeichnet werden solle.
Cäcilie las den Satz, strich ein überflüssiges Wort und gab ihm das Blatt zurück. Siegfried übernahm ihre Änderung. Danach gingen beide in das Glashaus, besprachen den Rückschnitt der weißen Rose und teilten die nächsten Arbeitsschritte untereinander auf.