Seit achtzehn Jahren kam Herr Belloni im November nach Grado, und seit achtzehn Jahren wusste Dolores, was er zum Frühstück aß. Sie wusste auch, welches Zimmer er bevorzugte, dass er bei Regen spazieren ging und seine Bücher offen auf den Bauch legte, sobald er darin einschlief. Von seinem Leben außerhalb des Gasthauses wusste sie wenig. Darüber sprach er manchmal, wenn sie ihm das Abendessen brachte, doch meistens musste sie gerade nach den Fischen sehen. In diesem November führte Bianca das Gasthaus. Dolores hatte es ihrer Nichte übergeben und wohnte weiterhin im oberen Stock. Als sie am ersten Abend Herrn Bellonis Suppe brachte, nahm Bianca ihr das Tablett ab und deutete auf den freien Stuhl an seinem Tisch. Dolores setzte sich und blieb bis nach zehn. Als sie hinaufging, fiel ihr ein, dass sie zum ersten Mal erfahren hatte, weshalb Herr Belloni seinen Beruf so ungern aufgegeben hatte.

In den folgenden Tagen trafen sie einander häufig. Zunächst kam Dolores zufällig in die Gaststube, sobald er vom Spaziergang zurückkehrte. Dann ließ sie die Zufälle bleiben. Herr Belloni erzählte von den Büchern, die er früher verkauft hatte, und von einem Kunden, der jedes Geschenk vor dem Kauf vollständig las. Dolores erzählte von Venedig, wo sie aufgewachsen war. Sie hatte schon lange drei Wochen dort verbringen wollen, aber bisher nicht einmal ein Zimmer gesucht. Mit Herrn Belloni darüber zu sprechen machte ihr mehr Freude als die Reisevorbereitung. Eines Nachmittags gingen sie gemeinsam ans Wasser. Als ihr Knie zu schmerzen begann, setzte er sich auf eine Bank und behauptete, er müsse dringend die Möwen betrachten. Dolores ließ ihn eine Weile gewähren. Dann sagte sie, er dürfe ruhig zugeben, dass er auf sie Rücksicht nehme. Er rückte zur Seite, und sie setzte sich neben ihn.

Am Abend kündigte Herr Belloni an, er werde am Sonntag abreisen. Dolores hatte das Datum gekannt; trotzdem war ihr, als hätte er den Aufenthalt eigenmächtig verkürzt. Sie fragte, ob mit seinem Zimmer alles in Ordnung sei, und ärgerte sich schon während der Frage. Er sah sie kurz an und sagte, das Zimmer sei ausgezeichnet. Danach sprachen sie über das Wetter. Oben in ihrer Wohnung nahm Dolores zwei Teller aus dem Schrank. Am Samstag könnte sie für ihn kochen. Hier oben wäre er ihr Gast, und niemand würde zwischen ihnen hindurchgehen, um einen leeren Brotkorb zu holen. Sie stellte die Teller wieder zurück. Eine Einladung zum Essen war nichts Besonderes. Dass sie vorhatte, ihn einzuladen, musste deshalb auch niemand erfahren.

Am nächsten Morgen erfuhr es Bianca, weil Dolores wissen wollte, ob sie die große Fischplatte haben könne. Ihre Nichte fragte nur, für wie viele Personen sie sie brauche. Dolores antwortete, zwei, möglicherweise, und Bianca reichte ihr eine kleinere. Nun musste sie Herrn Belloni fragen. Sie fand ihn beim Lesen und begann mit den Fischen, die am Markt besonders schön gewesen seien. Dann erklärte sie, ihre Küche oben werde viel zu selten benutzt. Herr Belloni legte den Finger zwischen die Seiten. Ob sie ihn zum Essen einlade, fragte er. Dolores sagte, offenbar habe sie das gerade getan. Er nahm an, ohne nach der Speisenfolge zu fragen. Als sie gegangen war, blieb sein Buch geschlossen auf dem Tisch liegen.

Am Samstag begann Dolores nach dem Frühstück zu kochen. Sie bereitete eine Vorspeise zu, obwohl sie ursprünglich keine vorgesehen hatte, und machte danach ein Dessert, weil man mit einer Vorspeise schlecht anfangen und ohne Dessert aufhören konnte. Am Nachmittag schmeckte ihr die Sauce nicht mehr. Sie setzte eine neue an. Als Herr Belloni läutete, hatte sie sich noch nicht umgezogen. Er brachte eine Flasche Wein mit und blieb in der Küchentür stehen, während sie nach einem sauberen Löffel suchte. Seinen Vorschlag, etwas zu helfen, wehrte sie ab. Er solle sich setzen. Wenig später stand sie auf, um den Fisch zu holen, dann fehlte das Brot, dann musste die Sauce gewärmt werden. Herr Belloni wartete mit dem Essen. Dolores bat ihn, endlich anzufangen; es werde alles kalt.

Er legte die Gabel hin. „Ich hätte lieber mit Ihnen gegessen.“ Dolores stand mit der Sauciere neben seinem Stuhl. Auf dem Tisch lag der Fisch, genau richtig gebraten, und sie empfand einen heftigen, beinahe kindischen Ärger darüber, dass er das nicht zuerst gesagt hatte. Schließlich habe sie den ganzen Tag in der Küche gestanden. Herr Belloni antwortete, das habe er nicht gewusst. Er hatte ihr von einem Spaziergang erzählen wollen, bei dem er an einem geschlossenen Buchladen vorbeigekommen war. Jetzt schwieg er. Dolores setzte sich und fragte nach dem Laden, doch ihre Stimme klang noch so gekränkt, dass er nur die Straße nannte. Sie aßen. Als sie später das Dessert brachte, lobte er es freundlich. Gegen neun verabschiedete er sich. Sie ließ ihn gehen, obwohl sie den Tisch am liebsten noch einmal abgeräumt und von vorn begonnen hätte.

Am Sonntagmorgen stand Dolores früh auf. In der Küche roch es noch nach dem Essen. Sie räumte die Fischplatte weg, stellte die Weinflasche in den Kühlschrank und ging hinunter. Herr Bellonis Koffer stand bereits neben der Rezeption. Er saß beim Frühstück und zog ihr einen Stuhl heran, als wäre der vergangene Abend kein Grund, nun vorsichtiger miteinander zu sein. Gerade das machte ihr die Entschuldigung leichter. Sie sagte, sie sei gestern keine gute Gesellschaft gewesen. Er rückte die Kaffeekanne zwischen sie. Dolores trank eine halbe Tasse, bevor sie fragte, wann er aufbrechen müsse. Bis Mittag habe er Zeit. Diesmal erzählte sie ihm nicht, was sie vorher noch alles erledigen sollte. Sie holte ihren Mantel.

Am Wasser fanden sie ein Café mit windgeschützten Tischen. Dolores suchte zwei Plätze aus, von denen sie die Boote sehen konnten, und überließ Herrn Belloni den bequemeren Stuhl. Als der Kaffee kam, blieb sie sitzen. Er erzählte von dem Buchladen und dann von seinem eigenen, den inzwischen jemand anders führte. Diesmal hörte sie die ganze Geschichte. Später fragte sie, ob er im Dezember nach Venedig kommen könnte. Sie werde sich dort ein Zimmer nehmen. Herr Belloni wollte wissen, ob das eine Einladung sei. Dolores lächelte. „Ja. Aber kochen wird jemand anderer.“

