
Aus der Galerie
Graf Ferdinand
Der Graf, zu dem man kam
Graf Ferdinand lebt in einem Herrenhaus, dessen Türen selten geschlossen bleiben. Charmant, großzügig und menschenkundig empfängt er gern Gäste, hört aufmerksam zu und hält meist einen vernünftigen Rat bereit.
Ferdinand öffnet gern sein Haus, hört seinen Gästen zu und weiß meist einen Rat.
Geschichten mit Graf Ferdinand
Der letzte Gast
Wer in dieser Geschichte vorkommt
- Graf Ferdinand
- Fräulein Josephine
- WenzelFerdinands langjähriger Butler, der für das Herrenhaus und die Bewirtung der Gäste sorgt.
- Herr MertensEin verwitweter Besucher, der sein Haus verkaufen will, obwohl vor allem die einsamen Abende ihn forttreiben.
An jedem Donnerstag bereitete Wenzel den kleinen Salon für Ferdinands Besucher vor. Da selten feststand, wie viele Menschen kommen würden, hielt er stets einige zusätzliche Tassen bereit.
Ferdinand ließ ihn gewähren. Sein Herrenhaus war groß genug, dass selbst zwölf unangemeldete Besucher nicht wie eine Versammlung wirkten. Im Winter brannte im Salon ein Feuer. Im Sommer standen die Türen zum Garten offen. Wer mit einer Sorge kam, erhielt einen Sessel, etwas zu trinken und Ferdinands ungeteilte Aufmerksamkeit.
An diesem Donnerstag waren die Besucher zahlreich gewesen. Ferdinand hatte ihnen nacheinander zugehört, wenige Fragen gestellt und keinen von ihnen länger aufgehalten, als die Sache verlangte.
Fräulein Josephine lebte seit vielen Jahren an Ferdinands Seite. An den Besuchsnachmittagen zog sie sich meist in die Bibliothek zurück, ordnete dort die Rechnungen des Hauses und bereitete ihre nächste gemeinsame Reise vor. Sie übernahm diese Aufgaben, weil sie Freude an einer guten Planung hatte und Ferdinand ihrem Urteil vertraute. Wenn er eine Ausgabe übersah, fand Josephine sie. Wenn sie meinte, dass er einem Besucher zu rasch geraten hatte, sagte sie es ihm später, niemals vor dem Betreffenden.
In den vergangenen Jahren hatten Ferdinand und Josephine viele Reisen gemeinsam unternommen. Er kannte ihre genaue Art und wusste, wie geduldig sie Pläne änderte, wenn ein Mensch einen vernünftigen Grund dafür hatte. Josephine wiederum wusste, dass Ferdinand selbst einen sorgfältig vorbereiteten Tag ohne Bedauern aufgab, sobald jemand seine Hilfe brauchte. Gewöhnlich gelang es ihnen, beides miteinander zu verbinden.
Man kam gern zu ihm. Ferdinand konnte einen schüchternen Besucher begrüßen, ohne dessen Unsicherheit zu bemerken zu scheinen, und einen selbstgefälligen Gast unterbrechen, ohne ihn vor den anderen bloßzustellen. Er erinnerte sich an Namen, familiäre Verhältnisse und Einzelheiten aus früheren Gesprächen.
Kurz nach sieben ging der letzte der angekündigten Besucher. Ferdinand stand vor dem Spiegel in der Halle und strich die Aufschläge seines dunkelgrünen Abendrocks glatt. Josephine wartete bereits in der Bibliothek. Im Theater sollte eine neue Sängerin auftreten, die beide hören wollten. Danach waren sie zu einem späten Essen eingeladen. Ferdinand freute sich auf den Abend, und Josephine hatte dafür gesorgt, dass zwischen der Vorstellung und dem Essen genügend Zeit blieb.
Wenzel kam aus dem Vorzimmer.
„Es ist noch jemand gekommen“, sagte er.
Josephine trat aus der Bibliothek. Sie ließ dem Kutscher ausrichten, dass er warten solle, und sagte Ferdinand, sie werde inzwischen die Abfahrtszeiten ihrer nächsten Reise noch einmal prüfen. Sie fragte nicht, wie lange das Gespräch dauern werde. Besucher, die nach sieben Uhr kamen, brachten selten eine Angelegenheit mit, die sich in wenigen Minuten erledigen ließ.
Im kleinen Salon saß Herr Mertens auf der vorderen Kante eines Sessels. Sein Mantel stand offen, obwohl es draußen kalt war. Offenbar war er rasch gegangen. Seit dem Tod seiner Frau war er mehrmals bei Ferdinand gewesen. Einmal hatte er wegen der Obstbäume gefragt, einmal wegen der geschlossenen Zimmer im oberen Stock und zuletzt, ob ein einzelner Mann ein Haus mit neun Fenstern behalten solle.
Ferdinand hatte ihm geraten, es zu verkaufen. Mertens besaß eine verheiratete Tochter und einige alte Freunde in ihrer Nähe. Zwei kleinere Wohnungen waren frei. Das Haus dagegen verlangte Reparaturen und war seit dem Tod von Frau Mertens still geworden. Der Rat war vernünftig gewesen. Mertens hatte genickt und sich bedankt.
Nun erklärte er, am nächsten Vormittag werde er mit dem Käufer den Vertrag unterzeichnen. Die Möbel seien zum Teil verkauft, die übrigen in Kisten verpackt. Am Abend nach der Unterzeichnung wolle er mit dem Nachtzug zu seiner Tochter fahren und dort bleiben, bis eine Wohnung frei werde.
Ferdinand gratulierte ihm zu der raschen Lösung. Mertens nahm die guten Wünsche entgegen, ohne aufzublicken.
„Sie wollten also nur Abschied nehmen“, sagte Ferdinand.
Mertens nickte. Er habe in den vergangenen Monaten oft hier gesessen. Dafür wolle er danken. Danach stand er auf.
Ferdinand bat ihn, wenigstens zu Abend zu essen. Wenzel könne in wenigen Minuten etwas Warmes bringen. Auch ein Zimmer im Herrenhaus und eine Unterkunft für die Wochen bis zum Einzug bot Ferdinand ihm an.
Mertens hörte die Vorschläge an. Dann erklärte er, weder ein Bett noch die Reise seien sein eigentliches Problem. Er ertrage nur die Abende allein in dem großen Haus kaum noch.
Aus der Halle schlug die Uhr halb acht.
Mertens wünschte Ferdinand und Josephine einen angenehmen Abend und ging. Ferdinand folgte ihm bis zur Haustür, doch Mertens nahm weder das Gästezimmer noch die angebotene Kutsche an. Er wolle noch einmal allein durch sein Haus gehen.
Josephine wartete in der Halle. Sie fragte Ferdinand, weshalb Herr Mertens bereits heute Abschied genommen habe, obwohl er den Vertrag erst am nächsten Vormittag unterzeichnen und am folgenden Abend abreisen wolle.
Ferdinand berichtete ihr von dem Verkauf, der Wohnung und der geplanten Reise. Der Ablauf war vernünftig geordnet, passte jedoch nicht zu Mertens’ hastigem Abschied.
Josephine erinnerte Ferdinand daran, dass Mertens seit dem Tod seiner Frau stets kurz vor dem Abendessen gekommen war. Früher hatte er Ferdinand am Nachmittag besucht und war nie länger als eine Stunde geblieben. Frau Mertens hatte um sieben auftragen lassen. Wenzel bestätigte dies und fügte hinzu, Herr Mertens habe an diesen Abenden häufig länger im Salon gesessen, ohne einen zweiten Kaffee zu verlangen.
Ferdinand schwieg. Er hatte Mertens geholfen, ein Haus zu verkaufen, das viel Arbeit machte. Er hatte jedoch nicht gefragt, ob der Mann wirklich das Haus verlassen wollte oder nur die Abende, an denen dort niemand auf ihn wartete.
Ferdinand dachte an Mertens’ einsame Abende. Dann sagte er Josephine, dass er zu ihm fahren werde.
Josephine fragte, ob er allein fahren wolle. Ferdinand verneinte es. Sie ließ dem Theater und den Gastgebern des späten Essens eine Nachricht bringen, nahm ihren Mantel und stieg mit ihm in die Kutsche. Zu Mertens’ Haus dauerte die Fahrt beinahe doppelt so lange wie zum Theater.
Als Ferdinand und Josephine dort ankamen, stand die Haustür offen. Im Flur brannte eine einzige Lampe. Kisten reihten sich an der Wand, und auf der Treppe lagen zusammengerollte Läufer. Mertens saß im Speisezimmer und aß Brot und kaltes Fleisch.
Mertens bemerkte, Ferdinand und Josephine sollten längst im Theater sein. Ferdinand legte seine Handschuhe auf den Tisch.
„Darf ich mich setzen?“, fragte er.
Mertens deutete auf die beiden Stühle neben sich.
Ferdinand und Josephine setzten sich. Ferdinand sprach nicht von der Wohnung, nicht von den Reparaturen und nicht von der vernünftigen Größe eines Hauses für einen einzelnen Mann. Stattdessen fragte er, wie die Abende gewesen seien, als Frau Mertens noch lebte.
Mertens erzählte von seiner Frau. Sie hatte das Brot zu dünn geschnitten, die Suppe zu stark gesalzen und jeden Abend behauptet, beides sei genau richtig. Wenn er nach dem Essen eine Zeitung aufschlug, fand sie stets jene eine Stelle, die er ihr vorlesen sollte. Seit ihrem Tod aß er allein. Das Haus war dadurch nicht kleiner geworden. Nur jeder Raum erinnerte ihn daran, dass niemand mehr in den nächsten kommen würde.
Josephine fragte, ob seitdem jemand regelmäßig mit ihm zu Abend gegessen habe. Mertens verneinte es. Seine Tochter war mehrmals gekommen, doch sie hatte eine weite Rückfahrt und brach stets früh auf. Die Nachbarn grüßten freundlich, und der alte Gärtner erschien noch immer an zwei Vormittagen in der Woche. Am Abend jedoch blieb das Haus leer.
Ferdinand hörte zu.
Nach einer Weile fragte Ferdinand, ob Mertens das Haus verlassen wolle oder nur die stillen Abende.
Mertens erklärte, er wolle den Garten im Frühjahr noch einmal sehen und habe in diesem Haus den größten Teil seines Lebens verbracht. Das Haus fortzugeben, sagte er, fühle sich nicht wie ein neuer Anfang an. Es sei nur eine schnelle Möglichkeit gewesen, nicht mehr darin allein zu sein.
Ferdinand fragte, wen Mertens gern zu Gast hätte, wenn er selbst bestimmen dürfte. Zuerst fiel dem Mann niemand ein. Dann nannte er einen früheren Gehilfen, eine Nachbarin und den alten Gärtner, der noch immer behauptete, die Apfelbäume seien sein Werk.
Josephine fragte, ob diese drei Menschen am folgenden Donnerstag Zeit hätten. Mertens wusste es nicht. Ferdinand schlug vor, sie einzuladen und selbst wiederzukommen. Diesmal nahm Mertens den Vorschlag nicht nur höflich entgegen. Er stand auf, suchte Papier und schrieb die drei Namen auf.
Am folgenden Vormittag unterzeichnete Mertens den Vertrag nicht. Er verschob den Auszug und ließ sich zunächst Kostenvoranschläge für die notwendigen Reparaturen geben. Josephine half ihm, die dringenden Arbeiten von jenen zu trennen, die warten konnten. Ferdinand fragte Mertens, wann er zum ersten Mal Gäste empfangen wolle.
Eine Woche später fuhren Ferdinand, Josephine und Wenzel erneut zu Mertens. Josephine hatte für den Besuch genügend Zeit vorgesehen und die Rückfahrt erst für den späten Abend bestellt. Wenzel brachte das Essen für die Gäste mit.
Herr Mertens öffnete selbst. Im Speisezimmer warteten bereits der frühere Gehilfe, die Nachbarin und der alte Gärtner. Kurz nach Ferdinands Ankunft kam ein weiterer Nachbar unangemeldet hinzu. Mertens bat ihn ohne Zögern herein, und Wenzel deckte einen zusätzlichen Platz.
Ferdinand setzte sich neben Mertens, Josephine nahm ihm gegenüber Platz. Während des Essens fragte Mertens seine Gäste, ob sie am folgenden Donnerstag wiederkommen wollten. Alle sagten zu.
Auf der Rückfahrt sagte Ferdinand, ohne Josephines Frage nach dem ungewöhnlich frühen Abschied wäre er an jenem Abend vermutlich ins Theater gefahren. Josephine erwiderte, er selbst habe sich für den Besuch bei Mertens entschieden. Ferdinand stimmte ihr zu und dankte ihr dafür, dass sie den Widerspruch im Zeitplan bemerkt hatte.
Danach sprachen sie über ihre nächste Reise. Josephine hatte den Plan bereits vorbereitet. Ferdinand fragte, auf welchen Aufenthalt sie sich selbst am meisten freue.