
Aus der Galerie
Konstantin Marbach
Der Gastgeber
Konstantin Marbach ist der erste Gastgeber eines vornehmen Hotels. Verbindlich, aufmerksam und einfallsreich erinnert er sich an Namen und Gewohnheiten, erkennt Unruhe früh und findet oft eine Lösung, bevor ein Gast sich bloßgestellt fühlt.
Konstantin empfängt seine Hotelgäste aufmerksam und bemerkt ihre Unruhe oft vor allen anderen.
Geschichten mit Konstantin Marbach
Die doppelte Reservierung
Wer in dieser Geschichte vorkommt
- Konstantin Marbach
- Agnes von RechbergEine der beiden seit Jahren voneinander getrennten Schwestern.
- Beatrix von RechbergAgnes’ Schwester, die unter falschen Voraussetzungen in das Hotel eingeladen wird.
- Dorothea von RechbergDie Nichte der Schwestern, die das gemeinsame Abendessen heimlich vorbereitet.
Am frühen Nachmittag, als im Hotel zwischen der Abreise der Mittagsgäste und den Vorbereitungen für den Abend eine kurze Ruhe eintrat, prüfte Konstantin Marbach die Belegung der Salons. Er tat dies jeden Tag, obwohl das elektronische Verzeichnis zuverlässig arbeitete und zwei Mitarbeiter die Einträge bereits kontrolliert hatten. Eine zusätzliche Prüfung hatte ihm schon manche unangenehme Überraschung erspart.
An diesem Donnerstag waren nur drei Gesellschaften angekündigt. Zwei davon bereiteten keine Schwierigkeit. Beim dritten Eintrag hielt Konstantin inne. Der Blaue Salon war um sieben Uhr für Agnes von Rechberg reserviert, zwei Personen, ein leichtes Abendessen, keine weiteren Gäste. Unmittelbar darunter stand eine zweite Bestätigung: Beatrix von Rechberg, ebenfalls zwei Personen, ebenfalls um sieben Uhr, ebenfalls im Blauen Salon.
Die zweite Anfrage war als Ergänzung zu einer bereits besprochenen Reservierung eingegangen. Deshalb hatte das Verzeichnis keinen Widerspruch gemeldet.
Beide Buchungen waren von Dorothea von Rechberg vorgenommen worden. Bei Agnes hatte sie vermerkt, ihre Tante wünsche einen ungestörten Abend und dürfe keinesfalls zufällig ihrer Schwester begegnen. Bei Beatrix stand beinahe dasselbe.
Konstantin rief die hinterlegten Nachrichten auf. Die Bestätigungen waren im Abstand von neun Minuten versandt worden. Keine der beiden Frauen hatte auf der Eintragung ihres Namens bestanden; Dorothea hatte alles geregelt. Nur die Wünsche zum Essen unterschieden sich, und auch darin zeigte sich eine Kenntnis, wie sie allein in einer Familie vorhanden war.
Er ließ Dorothea anrufen. Als sie sich meldete, bat er sie in ruhigem Ton um eine Erklärung. Einen Fehler in der Buchung erwähnte er nicht. Er wollte ihr die Möglichkeit geben, selbst die Wahrheit zu sagen.
Nach kurzem Schweigen gab Dorothea zu, dass beide Tanten glaubten, allein mit ihr zu essen. Sie selbst werde erst um Viertel nach sieben kommen. Bis dahin sollten die Schwestern miteinander sprechen. Konstantin erklärte, das Hotel könne seine Gäste nicht zu einer Begegnung zwingen. Dorothea bat ihn, zunächst eine Viertelstunde nichts zu unternehmen; danach werde sie selbst alles erklären.
Nach dem Gespräch blieb Konstantin noch einen Augenblick am Fenster stehen. Die Sache war einfach, solange man nur die Buchung betrachtete: Eine Reservierung war unter falschen Voraussetzungen vorgenommen worden und musste berichtigt werden. Schwieriger wurde sie, sobald er an die beiden Frauen dachte, die in dem Vertrauen anreisen würden, einen ruhigen Abend mit ihrer Nichte zu verbringen. Wenn er sie bei der Ankunft aufklärte, würden sie vermutlich sofort wieder gehen. Dorotheas Täuschung wäre beendet, aber nichts wäre gewonnen.
Konstantin kannte den Wunsch, eine Familie durch eine wohlüberlegte Gelegenheit wieder zusammenzuführen. Ebenso oft hatte er erlebt, dass die Beteiligten eine solche Überraschung vor allem als Kränkung empfanden.
Dennoch brachte er es nicht über sich, die Buchung augenblicklich aufzuheben. Er ließ im Kleinen Speisesaal eine zweite Tafel decken. Agnes sollte zunächst im Blauen Salon empfangen werden, Beatrix im Kleinen Speisesaal. Dorothea könne, sobald sie eingetroffen war, von einem Raum zum anderen gehen und mit beiden sprechen. Vielleicht ließ sich dann ein gemeinsamer Abend anbieten, ohne dass eine der Schwestern vor vollendete Tatsachen gestellt wurde.
Es war eine vernünftige Lösung, sofern Dorothea pünktlich kam und bereit war, ihren Anteil zu tragen. Konstantin wusste, dass beides keineswegs sicher war. Trotzdem ordnete er die Räume neu, änderte die Wege des Personals und ließ für jede der beiden Schwestern ein eigenes Gedeck für die Nichte auflegen.
Agnes traf zehn Minuten vor sieben ein. Sie war eine aufrechte Frau mit ruhigen Bewegungen und einem Blick, der jeden Umstand zur Kenntnis nahm, ohne sich sogleich darüber zu äußern. Konstantin begrüßte sie und führte sie in den Blauen Salon. Dort bemerkte sie das zweite Gedeck und fragte, ob Dorothea bereits im Haus sei.
Konstantin sagte, Dorothea habe eine geringe Verspätung angekündigt. Das war seine erste Unwahrheit. Dorothea hatte nicht angekündigt, sich zu verspäten; sie hatte beschlossen, später zu kommen.
Beatrix erschien wenige Minuten danach. Sie glich ihrer Schwester nur in der Haltung. Während Agnes jede Regung zurücknahm, zeigte sich bei Beatrix sofort, ob ihr etwas gefiel oder missfiel. Der Kleine Speisesaal gefiel ihr nicht.
„Dorothea hat ausdrücklich den Blauen Salon genannt“, sagte Beatrix.
Konstantin erklärte, dort sei kurzfristig eine andere Anordnung notwendig geworden. Er fügte hinzu, Dorothea wisse Bescheid und werde gleich zu ihr kommen. Damit war die zweite Unwahrheit gesprochen, größer als die erste, weil sie nicht mehr nur die Zeit, sondern auch Dorotheas Einverständnis betraf.
Beatrix setzte sich, doch ihre Unzufriedenheit blieb. Konstantin ließ Tee bringen und ging in sein Büro zurück. Dort wartete bereits eine Nachricht Dorotheas. Sie werde nicht vor halb acht kommen. Die Schwestern müssten diese erste halbe Stunde allein bewältigen, sonst werde aus dem Abend wieder nur ein höflicher Aufschub.
Konstantin rief sie abermals an. Diesmal sagte er unmissverständlich, dass er die Damen getrennt untergebracht habe und keine von ihnen ohne vorherige Zustimmung in den anderen Salon führen werde.
„Dann sagen Sie ihnen, der Blaue Salon müsse für beide gemeinsam benutzt werden“, erwiderte Dorothea. „Sie sind der Gastgeber. Ihnen werden sie glauben.“
„Eben deshalb werde ich ihnen keine weitere falsche Auskunft geben“, sagte Konstantin.
Dorothea schwieg. Schließlich versprach sie, sich auf den Weg zu machen. Konstantin beendete das Gespräch, ohne sicher zu sein, ob sie ihr Versprechen halten würde.
Im Blauen Salon wurde Agnes inzwischen unruhig. Da Dorothea keine Nachricht geschickt hatte, trat sie auf den Korridor, um Konstantin zu suchen. Zur selben Zeit verließ Beatrix den Kleinen Speisesaal. Sie wollte nicht länger auf eine Nichte warten, die angeblich von der Änderung wusste und ihr dennoch nicht geschrieben hatte. Vor der Tür des Blauen Salons standen die Schwestern plötzlich einander gegenüber.
Sie blieben stehen. Beatrix wandte sich zuerst an Konstantin.
„Ist das die andere Anordnung, von der Sie gesprochen haben?“
Er hätte noch erklären können, Dorothea habe nur einen gemeinsamen Empfang vorgesehen. Er hätte um einige Minuten bitten und die Frauen wieder in ihre Salons führen können. Wahrscheinlich wäre es ihm sogar gelungen. Gerade diese Gewissheit machte ihm deutlich, wie weit er sich bereits von seiner Aufgabe entfernt hatte. Er sorgte nicht mehr für einen guten Aufenthalt. Er half einer abwesenden jungen Frau, zwei Gäste in einer Täuschung festzuhalten.
Konstantin bat beide Schwestern, ihm zuzuhören. Er erklärte die doppelte Reservierung, Dorotheas Absicht und seinen eigenen Versuch, die Begegnung durch zwei Räume erträglicher zu machen. Er verschwieg auch seine falschen Auskünfte nicht.
„Ihre Nichte wollte Sie zusammenbringen“, sagte Konstantin. „Ich wollte verhindern, dass Sie einander ohne Vorbereitung gegenüberstehen. Dabei haben wir beide über Ihre Köpfe hinweg entschieden. Das war nicht recht.“
Agnes fragte, ob Dorothea überhaupt kommen werde. Konstantin antwortete, sie habe es versprochen, doch er könne es nicht verbürgen. Dann legte er dar, welche Möglichkeiten offenstanden. Jede Schwester konnte ihren eigenen Salon behalten. Sie konnten abreisen. Sie konnten gemeinsam warten oder Dorothea bitten, den Abend mit ihnen getrennt zu verbringen. Keine Entscheidung werde als Unhöflichkeit behandelt.
Beatrix sah zu Agnes. „Ich werde nicht mit dir essen, nur damit Dorothea sich für besonders klug halten kann.“
Agnes erwiderte, sie werde sich ebenso wenig dazu nötigen lassen. Dennoch ging keine von beiden. Beatrix kehrte in den Kleinen Speisesaal zurück, Agnes in den Blauen Salon. Konstantin ließ die Türen schließen und nahm an, der Abend werde in zwei stillen Mahlzeiten enden.
Wenige Minuten später bat Agnes darum, mit Dorothea verbunden zu werden. Fast gleichzeitig kam dieselbe Bitte von Beatrix. Konstantin richtete eine gemeinsame Verbindung ein, nachdem beide ausdrücklich zugestimmt hatten. Er blieb nur so lange im Raum, bis Dorothea sich gemeldet hatte. Dann wollte er gehen.
Agnes hielt ihn zurück. „Sie haben uns in diese Lage gebracht. Nun hören Sie auch, weshalb.“
Dorothea sprach ohne die Sicherheit, die sie am Telefon mit Konstantin gezeigt hatte. Das Verhältnis der Schwestern war bereits zuvor empfindlich gewesen. Ihre Mutter hatte Auseinandersetzungen gefürchtet und deshalb getrennte Besuche verlangt. Wiederholt hatte Dorothea jeder Tante ausrichten müssen, die andere habe abgesagt. Da Agnes und Beatrix damals kaum noch unmittelbar miteinander sprachen, nahm jede diese Nachricht als Bestätigung ihres Verdachts. Nach dem Tod der Mutter hatte Dorothea weitergeschwiegen, bis aus dem Missverständnis eine jahrelange Trennung geworden war. Nun hatte sie geglaubt, ein gemeinsamer Abend könne die Wahrheit mildern.
Agnes hörte ihr bis zum Ende zu. Dann fragte sie, ob die Mutter gewusst habe, dass beide Schwestern bereit gewesen wären zu kommen. Dorothea bejahte es.
Beatrix fragte, weshalb Dorothea nicht wenigstens nach dem Tod der Mutter gesprochen habe.
„Weil ich fürchtete, ihr würdet auch mir nicht mehr vertrauen“, antwortete Dorothea.
Das Gespräch endete nicht mit einer Verzeihung. Agnes sagte, sie müsse über das Gehörte nachdenken. Beatrix sagte, Dorothea solle an diesem Abend nicht mehr kommen. Zum ersten Mal waren sie sich einig, doch ihre Einigkeit war kein Trost für die Nichte. Dorothea nahm die Entscheidung an.
Nachdem die Verbindung beendet war, blieb es in beiden Salons still. Konstantin wartete in seinem Büro. Er war nicht erleichtert. Er erkannte, dass seine falschen Auskünfte die Täuschung verlängert hatten und die Schwestern nun mit deren Folgen umgehen mussten.
Nach einer Weile erschien Beatrix vor Konstantins Tür. Sie fragte, ob Agnes bereit wäre, mit ihr zu essen. Agnes hatte ihr bereits ausrichten lassen, dass sie zustimme. Konstantin ließ das Abendessen daraufhin im Blauen Salon auftragen und zog sich zurück.
Die Schwestern blieben fast zwei Stunden. Sie sprachen nicht ununterbrochen. Manchmal war aus dem Salon lange nichts zu hören. Dann bat eine von ihnen um Wasser oder darum, einen Gang noch nicht aufzutragen. Konstantin sorgte dafür, dass niemand sie drängte.
Als Agnes und Beatrix schließlich gingen, verließen sie das Hotel nicht Arm in Arm. Agnes trat zuerst in die Vorhalle, Beatrix folgte ihr. Vor der Tür blieben sie stehen und vereinbarten, sich am nächsten Nachmittag wiederzusehen. Für diesen Abend war es eine vorsichtige, aber wirkliche Annäherung.
Agnes verabschiedete sich von Konstantin mit einem knappen Dank. Beatrix sagte, seine erste Lösung sei schlecht gewesen, seine zweite jedoch anständig. Konstantin widersprach ihr nicht.
Am folgenden Morgen wies er die Mitarbeiter an, widersprüchliche Buchungen künftig vor der Bestätigung offenzulegen und die Zustimmung aller betroffenen Gäste einzuholen. Für sich selbst hielt er fest, dass er eine bewusste Täuschung nicht noch einmal durch organisatorische Anordnungen decken würde.
Dorothea kam einige Tage später allein ins Hotel. Konstantin empfing sie in einem kleinen Besprechungszimmer. Sie wollte wissen, ob ihre Tanten gemeinsam gegessen hatten. Er sagte ihr nur, dass beide sicher abgereist seien. Alles Weitere müsse sie von ihnen selbst erfahren.
Noch in derselben Woche erhielt Dorothea von Agnes eine Einladung zu einem Gespräch. Beatrix sollte ebenfalls kommen. Es war keine Versöhnung versprochen und kein rasches Vergessen. Dorothea nahm die Einladung dennoch an.
Konstantin erfuhr davon, weil sie den Blauen Salon für drei Personen reservieren wollte. Dieses Mal sandte er jeder der drei Frauen eine eigene Bestätigung. Agnes antwortete zuerst, Beatrix wenige Minuten später. Dorotheas Zustimmung traf zuletzt ein.
Am vereinbarten Abend begrüßte Konstantin jede Frau einzeln. Bevor er sie in denselben Salon führte, fragte er noch einmal, ob die getroffene Vereinbarung ihrem Wunsch entspreche. Alle drei bestätigten es. Erst danach überließ er ihnen den Abend.