
Aus der Galerie
Theodor von Frauenstein
Der Portier
Theodor von Frauenstein versieht seit zwölf Jahren den Nachtdienst in einem alten Hotel. Ruhig, aufmerksam und sicher in den modernen Buchungs- und Schlüsselsystemen löst er späte Anreisen und nächtliche Schwierigkeiten ohne unnötiges Aufheben.
Theodor wacht über ein altes Hotel und hilft still durch die Nacht.
Geschichten mit Theodor von Frauenstein
Der falsche Direktor
Wer in dieser Geschichte vorkommt
- Theodor von Frauenstein
- Baronin Irmgard von VeltheimEine Dame, die ein großes Familienfest plant und Theodor zunächst für den Direktor hält.
- Eberhard KruseDer wirkliche Hoteldirektor, der den Irrtum aus geschäftlichem Interesse bestehen lässt und ausweitet.
Theodor von Frauenstein trat seinen Nachtdienst gewöhnlich um neun Uhr an. Zu dieser Zeit saßen die meisten Gäste beim Abendessen, die Tagesschicht ordnete ihre letzten Unterlagen, und in der Halle entstand für eine halbe Stunde jene Unruhe, in der jeder glaubte, seine Angelegenheit müsse noch vor dem Heimweg eines anderen erledigt werden. Theodor übernahm die offenen Fragen, prüfte die späten Anreisen und wartete, bis das Hotel wieder zu einem gleichmäßigen Ablauf fand.
In jener Nacht stand nur noch eine Ankunft auf seiner Liste. Baronin Irmgard von Veltheim wurde am folgenden Vormittag erwartet. Sie wollte das Haus besichtigen, weil ihre Familie im Frühjahr ein großes Fest plante. Drei Tage lang sollten zahlreiche Angehörige im Hotel wohnen, gemeinsam essen und mehrere Räume nutzen. Für das Haus war es eine wichtige Anfrage, doch Direktor Eberhard Kruse hatte Theodor lediglich darauf hingewiesen, dass die Baronin Wert auf Pünktlichkeit und klare Auskünfte lege. Beides hielt Theodor für verständlich. Die bisherigen Absprachen waren über das Veranstaltungsbüro geführt worden; den Namen des Direktors kannte die Baronin nicht.
Kurz nach halb elf fuhr ein Wagen vor. Eine hochgewachsene Dame stieg aus, während der Fahrer zwei Koffer auslud. Theodor erkannte den Namen, bevor sie ihn nannte. Wegen einer Änderung ihrer Reiseverbindung sei sie einen Abend früher angekommen, erklärte Baronin Irmgard. Sie habe versucht anzurufen, jedoch niemanden mehr im Büro erreicht.
Theodor begrüßte sie und stellte sich mit seinem vollständigen Namen vor. Die Baronin musterte den dunklen Rock, den er im Dienst trug, und sah durch die leere Halle.
„Wie günstig, dass der Direktor selbst noch hier ist“, sagte sie. „Dann können wir morgen ohne lange Vorstellungen beginnen.“
Theodor wollte den Irrtum berichtigen. Doch die Baronin bat zuerst um ein ruhiges Zimmer und etwas zu essen, das keine Umstände mache. Sie war seit dem frühen Morgen unterwegs und sichtbar müde. Theodor entschied, ihr zunächst die Ankunft zu erleichtern. Er ließ das vorgesehene Zimmer öffnen und veranlasste eine kleine Mahlzeit. Sobald sie versorgt war, wollte er die Verwechslung berichtigen.
Doch Baronin Irmgard stellte sofort weitere Fragen: nach der Zahl der Zimmer, nach dem Aufzug und danach, ob spät eintreffende Angehörige noch eine warme Mahlzeit erhalten könnten. Theodor beantwortete, was in seinen Zuständigkeitsbereich fiel, und erklärte bei zwei Fragen, dass die endgültige Zusage am Morgen erfolgen müsse. Die Baronin nahm diese Einschränkung ohne Ungeduld hin. Als sie zu ihrem Zimmer ging, dankte sie ihm für die klare Auskunft und wünschte dem vermeintlichen Direktor eine ruhige Nacht.
Theodor wusste, dass er die Richtigstellung zu lange aufgeschoben hatte. Er schrieb eine Nachricht an Eberhard Kruse und schilderte das Missverständnis. Der Direktor wohnte nicht weit entfernt und rief wenige Minuten später an.
Kruse lachte zunächst. Dann bat er Theodor, die Sache für diesen Abend auf sich beruhen zu lassen. Eine Korrektur an der Zimmertür würde die Baronin nur beschämen. Er selbst werde am Morgen früh kommen, den Irrtum freundlich erklären und das Gespräch übernehmen. Theodor verließ sich darauf, dass Kruse die Baronin am Morgen wie versprochen aufklären würde, und ließ den Irrtum für diese Nacht bestehen.
Die Nacht verlief ruhig. Theodor prüfte die Reservierungen, beantwortete zwei Anrufe und stellte für Baronin Irmgard eine Übersicht der verfügbaren Zimmer zusammen. Dabei bemerkte er, dass der für die Familie gewünschte kleine Speisesaal an einem der drei Tage bereits bis vier Uhr nachmittags belegt war. Er entwarf deshalb einen Ablauf, bei dem der Empfang später begann und die Angehörigen nach ihrer Anreise zunächst in den Gartensalon gebeten wurden. Für mehrere Gäste, die erst am Abend eintreffen sollten, sah er ein spätes Essen in einem angrenzenden Raum vor. Es waren keine außergewöhnlichen Einfälle. Sie ergaben sich aus der Belegung und aus seiner Erfahrung mit Menschen, die nach einer langen Reise nicht sofort an einer festlichen Tafel sitzen wollten.
Um sieben Uhr kam Baronin Irmgard in die Halle. Sie hatte gut geschlafen und wollte vor dem Frühstück einige Räume sehen. Eberhard Kruse war noch nicht eingetroffen. Theodor hätte die Führung ablehnen können, doch die Tagesschicht begann gerade, und die Räume waren zugänglich. Er zeigte der Baronin die Zimmer, den Gartensalon und den kleinen Speisesaal. Dabei erklärte er auch den von ihm entworfenen Ablauf.
Die Baronin stellte genaue Fragen. Sie wollte wissen, ob ältere Angehörige in der Nähe des Aufzugs wohnen könnten, ohne von den abendlichen Gesprächen gestört zu werden. Zwei junge Familien benötigten Zimmer mit Verbindungstüren. Außerdem sollte niemand beim Fest das Gefühl erhalten, einem starren Programm folgen zu müssen. Theodor veränderte die Zimmerverteilung auf seinem tragbaren Gerät und zeigte ihr, was möglich war. Wo eine Zusage von der Küche oder der Hausdame abhing, sagte er es offen.
Kurz vor acht erschien Eberhard Kruse. Theodor bat ihn noch vor dem Frühstück in das Büro und erwartete, dass der Direktor nun die angekündigte Aufklärung vornehmen werde. Kruse hörte sich den Bericht an, überflog Theodors neuen Ablauf und wurde aufmerksam, als er die Zahl der benötigten Zimmer sah.
Die Familie würde beinahe das ganze Haus belegen. Kruse erklärte, eine peinliche Richtigstellung dürfe dieses Geschäft nicht gefährden. Er werde sich als derjenige vorstellen, der für die vertraglichen und kaufmännischen Fragen zuständig sei. Theodor solle den Irrtum nicht ausdrücklich bestätigen, aber bis zur Entscheidung der Baronin auch nicht berichtigen.
Theodor widersprach. Baronin Irmgard habe ihn mehrmals Direktor genannt. Schweige er nun weiter, werde aus ihrem Irrtum eine bewusste Täuschung.
„Nur bis sie sich entschieden hat“, sagte Kruse. „Danach erkläre ich alles selbst.“
Theodor antwortete, dass eine Erklärung nach der Entscheidung keine Aufklärung mehr sei. Kruse beendete das Gespräch. Er erinnerte Theodor daran, dass dieser die Nacht über gearbeitet habe und bald Dienstschluss habe. Die Verhandlung werde nun von der Direktion geführt.
Beim Frühstück stellte Kruse sich der Baronin als Eberhard Kruse vor und fügte hinzu, er kümmere sich um die wirtschaftliche Seite des Hauses. Baronin Irmgard nahm an, Theodor habe ihm diesen Bereich übertragen. Kruse ließ sie in diesem Glauben. Er setzte sich mit beiden an einen Tisch und bat Theodor, seine Vorschläge zu erläutern.
Zunächst sprach Theodor nur über die Zimmer und den zeitlichen Ablauf. Dann begann Kruse, seine Antworten zu erweitern. Der spätere Empfang, sagte er, sei Teil eines neuen Plans der Direktion. Die getrennte Unterbringung der spät anreisenden Familien habe er eigens vorgesehen. Selbst die Verbindungstüren, die Theodor wenige Minuten zuvor in der Zimmerübersicht gefunden hatte, erschienen nun als Ergebnis von Kruses sorgfältiger Vorbereitung.
Baronin Irmgard hörte aufmerksam zu. Mehrmals wandte sie sich an Theodor, wenn eine Frage den wirklichen Ablauf betraf. Kruse beantwortete sie dennoch zuerst. Theodor erkannte, dass der Direktor nicht mehr nur einen Irrtum bestehen ließ. Er benutzte Theodors Stellung als vermeintlicher Direktor, um Vertrauen zu gewinnen, und schrieb sich zugleich jene Entscheidungen zu, durch die dieses Vertrauen entstanden war.
Nach dem Frühstück zog Baronin Irmgard sich für eine Stunde zurück. Um elf Uhr wollte sie das schriftliche Angebot prüfen und entscheiden, ob das Familienfest in diesem Hotel stattfinden werde. Kruse ging mit Theodor ins Büro. Dort diktierte er die wichtigsten Punkte und ließ das Angebot ausfertigen. In der einleitenden Nachricht stand, die Direktion habe bereits in der Nacht alle besonderen Bedürfnisse der Familie aufgenommen und am Morgen ein vollständiges Konzept vorgelegt.
Theodor bat Kruse, den Satz zu ändern und der Baronin vorher die Wahrheit zu sagen. Er verlangte weder eine besondere Erwähnung seiner Arbeit noch eine Entschuldigung. Es müsse nur klar sein, wer Direktor sei und weshalb Theodor in der Nacht Entscheidungen für die Anreise vorbereitet habe.
Kruse lehnte ab. Die Baronin sei mit dem Haus zufrieden. Eine Aufklärung könne jetzt nur den Eindruck erwecken, man habe sie absichtlich getäuscht. Genau diesen Eindruck, erwiderte Theodor, habe Kruse inzwischen verdient.
Der Direktor wurde still. Er erklärte, Theodor habe als Angestellter des Hotels gehandelt. Daher gehöre jede brauchbare Entscheidung, die er im Dienst treffe, letztlich zur Leistung des Hauses. Das sei keine Aneignung, sondern Verantwortung.
Theodor wusste, dass darin ein richtiger Gedanke lag. Ein Hotel konnte nur arbeiten, wenn nicht jede gute Entscheidung zum persönlichen Besitz eines Angestellten wurde. Doch Kruse hatte nicht das Haus geschützt. Er hatte die Namen und Zuständigkeiten vertauscht, damit das Haus verlässlicher erschien, als seine eigene Handlung es gewesen war.
Theodor versuchte ein letztes Mal, ihn zu einer privaten Korrektur zu bewegen. Kruse solle der Baronin vor dem Gespräch erklären, dass sie in der Nacht mit dem Portier gesprochen habe. Danach könne er das Angebot als Direktor vertreten. Kruse versprach, eine passende Formulierung zu finden. Er nahm die Unterlagen und ging in den kleinen Salon, in dem Baronin Irmgard wartete.
Theodor blieb im Büro. Sein Dienst war beendet, doch er zog den Mantel nicht an. Nach wenigen Minuten brachte eine Angestellte die Nachricht, die Baronin wünsche Herrn von Frauenstein ebenfalls im Salon. Als Theodor eintrat, lag das Angebot auf dem Tisch. Kruse hatte nichts berichtigt. Er erklärte gerade, das Haus habe durch die nächtliche Vorbereitung ohne Zeitverlust auf sämtliche Wünsche reagieren können.
Damit war auch Theodors privater Versuch gescheitert.
Theodor wartete, bis Kruse geendet hatte. Dann wandte er sich an Baronin Irmgard. Er sagte, sie müsse vor ihrer Entscheidung erfahren, dass er nicht der Direktor sei. Er arbeite seit zwölf Jahren als Nachtportier. Am Vorabend habe er ihren Irrtum nicht sofort berichtigt, weil sie erschöpft gewesen sei und zuerst ein Zimmer benötigt habe. Eberhard Kruse sei der wirkliche Direktor und habe ihn am Morgen aufgefordert, die Verwechslung bis nach ihrer Entscheidung bestehen zu lassen.
Im Salon wurde es sehr still. Kruse unterbrach ihn nicht. Vielleicht begriff er, dass jeder Widerspruch nur eine weitere Erklärung erfordern würde.
Baronin Irmgard fragte Theodor, welche Vereinbarungen tatsächlich von ihm stammten. Theodor nannte den geänderten Empfang, die Verteilung der Zimmer und die Lösung für die spät anreisenden Gäste. Er sagte zugleich, dass Küche, Hausdame und Direktion diese Vorschläge noch verbindlich bestätigen müssten. Danach schwieg er.
Die Baronin fragte Kruse, wann er von der Verwechslung erfahren habe. Der Direktor antwortete, Theodor habe ihn noch in der Nacht benachrichtigt. Er habe die Baronin nicht bloßstellen und dem Hotel keine wichtige Buchung entgehen lassen wollen.
Baronin Irmgard nahm das Angebot zur Hand, las die erste Seite noch einmal und legte sie zurück. Sie wurde weder laut noch beleidigend. Gerade ihre Ruhe machte deutlich, dass sie nicht über einen schlechten Scherz hinwegsehen würde.
Sie sagte, sie werde das Fest nicht aufgrund des vorliegenden Angebots vergeben. Kruse wollte antworten, doch sie hob die Hand. Danach traf sie eine Entscheidung, mit der keiner der beiden gerechnet hatte.
Die Baronin wollte das Hotel nicht ausschließen. Die vergangene Nacht habe ihr gezeigt, dass das Haus auch ohne vorbereiteten Empfang verlässlich arbeiten könne. Sie habe ein gutes Zimmer erhalten, klare Auskünfte bekommen und einen vernünftigen Ablauf gesehen. Dies alles spreche für die Menschen, die dort arbeiteten. Gegen die Direktion spreche jedoch, dass sie diese Leistung durch eine Täuschung größer erscheinen lassen wollte.
Sie verlangte ein neues Angebot. Darin sollten die tatsächlichen Zuständigkeiten genannt und alle Zusagen von den Menschen bestätigt werden, die sie später erfüllen mussten. Theodor solle nicht zum Leiter des Festes gemacht werden; er sei Nachtportier und habe selbst erklärt, wo seine Verantwortung endete. Für die späten Anreisen wünsche sie ihn jedoch als festen Ansprechpartner. Über die Vergabe werde sie erst entscheiden, nachdem sie mit der Hausdame und der Küche gesprochen habe.
Kruse blieb nichts anderes übrig, als zuzustimmen. Baronin Irmgard verabschiedete sich zunächst von Theodor. Sie dankte ihm nicht für seine Ehrlichkeit, als handle es sich um eine besondere Gefälligkeit. Sie sagte nur, nun wisse sie, auf wessen Auskunft sie sich in der Nacht verlassen könne.
Eine Woche später erhielt das Hotel die Zusage für das Familienfest. Das neue Angebot war gemeinsam mit den verantwortlichen Mitarbeitern erstellt worden. Eberhard Kruse hatte seinen Titel daruntergesetzt, aber keine Entscheidung als seine eigene bezeichnet, die ein anderer vorbereitet hatte. Theodor wurde weder befördert noch in die Tagesleitung versetzt. Er blieb Nachtportier, und das entsprach seinem Wunsch.
Als das Fest im Frühjahr stattfand, trafen mehrere Angehörige erst nach zehn Uhr ein. Theodor hatte ihre Zimmer vorbereitet und dafür gesorgt, dass sie noch essen konnten. Baronin Irmgard kam zuletzt in die Halle. Diesmal begrüßte sie ihn mit seinem Namen und nannte ihn nicht Direktor.
Theodor reichte ihr die Schlüsselkarte und erklärte, dass alle Gäste eingetroffen seien. Danach prüfte er die nächsten Anreisen. Als kurz darauf ein weiterer Wagen vorfuhr, ging er dem neuen Gast entgegen und setzte seinen Nachtdienst fort.