Eine Begegnungsgeschichte
Ein Tanz
Albrecht verletzt Charlotte mit einem Scherz, hinter dem er seine eigene Unsicherheit verbirgt.
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Wer in dieser Geschichte vorkommt
Ein Tanz
Charlotte hatte das Fenster noch einmal geöffnet, obwohl die Abendluft bereits kühl war. Aus dem Garten kam der Geruch feuchter Erde, und auf dem Sims lag ein einzelnes Blatt, das sie mit zwei Fingern hinausschob. Hinter ihr saß Albrecht von Bredow beim letzten Glas Wein. Er hatte seine Weste nach dem Essen ein wenig gelockert und erzählte von einer Suppe, die man in seinem früheren Hotel neuerdings in Tassen servierte. Charlotte hörte ihm gern zu, wenn er sich über etwas empörte, das ihn im Grunde nur belustigte. Sie kannte diese Stimme seit vielen Jahren; an Abenden, die sie allein verbrachte, fiel ihr manchmal eine Bemerkung ein, die sie für ihn aufbewahrte und bei seinem nächsten Besuch dennoch vergaß.
Sie waren schon beim Essen von einer Geschichte in die andere geraten, und zweimal hatte Charlotte so lachen müssen, dass sie ihr Besteck niederlegte. Nun hörte sie aus dem benachbarten Zimmer Musik. Dort lief leise das Radio, das sie gewöhnlich erst vor dem Schlafengehen abstellte. Eine Geige setzte ein, andere Instrumente folgten, und Charlotte erkannte den Walzer, ohne seinen Namen zu wissen. Sie wandte sich um. Albrecht sah gerade zu ihr auf, noch mit jenem zufriedenen Ausdruck, den eine gut erzählte Bosheit bei ihm hinterließ. Charlotte ging einige Schritte auf ihn zu und fragte: „Wollen Sie mit mir tanzen?“
Sie hatte die Hand bereits ein wenig gehoben und wartete, dass er aufstand. Albrecht blickte an ihr vorbei auf den Teppich. Er wusste nicht mehr, wann er zuletzt getanzt hatte. Auf den Festen seines Hotels war er am Rand geblieben, hatte verspätete Gäste begrüßt und darauf geachtet, dass niemand mit einem Wunsch vergeblich wartete. Nun sollte er mit Charlotte mitten im Zimmer stehen, und sie würde spüren, wie unsicher seine Schritte waren. Noch ehe er nachdenken konnte, lächelte er auf jene verbindliche Art, mit der er früher einen unpassenden Vorschlag abgewiesen hatte. „Wir wollen uns doch in unserem Alter nicht mehr lächerlich machen“, sagte Albrecht.
Charlotte nahm ihre Hand an den Körper zurück. Sie strich über den Ärmel ihres Kleides, als habe sich dort etwas verschoben, und sah dabei nicht zu ihm. Albrecht wartete auf eine ihrer scharfen Antworten, die ihm erlaubt hätte, den Satz für einen harmlosen Scherz zu halten. Stattdessen ging sie zum Fenster und schloss es. Als sie sich wieder setzte, wählte sie den Sessel auf der anderen Seite des Tisches. Sie erkundigte sich nach seinem Zimmer im Wohnhaus am Park und danach, ob die neue Lampe hell genug zum Lesen sei. Albrecht beantwortete beide Fragen mit einer Ausführlichkeit, die ihm selbst unangenehm wurde. Aus dem Nebenzimmer kam noch immer der Walzer.
Charlotte hörte kaum, was er sagte. Immer wieder sah sie sich vor ihm stehen, mit halb erhobener Hand, so gewiss, dass er sich über ihre Bitte freuen würde. Sie hätte am Fenster bleiben, den Wein austrinken und einen angenehmen Abend beenden können. Stattdessen hatte sie ihn aus seinem Sessel locken wollen und musste nun annehmen, dass er bei ihrem Anblick nur ihr Alter gesehen hatte. Während Albrecht die Vorzüge seiner Lampe beschrieb, zog sie die Füße unter den Saum ihres Kleides.
Als er endlich schwieg, bot sie ihm weiteren Wein an. Albrecht legte die Hand über sein Glas. Er begann zu erklären, er habe seit Jahren nicht getanzt; gewiss würde er ihr nur auf die Füße treten. Dabei lächelte er wieder, vorsichtiger als zuvor, und hoffte, Charlotte werde ihm nun widersprechen. Sie sagte jedoch nur, er brauche sich keine Gedanken zu machen. Der Tanz sei ihr ganz unvermittelt eingefallen. Dann nahm sie beide Gläser und trug sie auf das kleine Tischchen neben der Tür. Albrecht sah ihr nach. Sie bewegte sich mit derselben ruhigen Sicherheit, mit der sie einen unwillkommenen Gast verabschiedete. Nur war er nicht unwillkommen gewesen, als der Abend begann.
Im Nebenzimmer war das Musikstück zu Ende. Charlotte trat an das Radio und legte die Finger auf den Schalter. Bevor sie ihn drehte, begann ein neuer Walzer, langsamer als der vorige. Sie kannte auch diese Melodie. Früher hatte sie dazu getanzt, doch es war nicht die Erinnerung an einen früheren Tanz, die sie festhielt. Sie hatte Albrechts Hand halten wollen. Wie er dabei aussah, ob er sich langsam bewegte oder den Takt verlor, hatte sie sich gar nicht vorgestellt. Charlotte drehte das Radio leiser.
Albrecht war ihr bis zur offenen Tür gefolgt. Er hatte sie oft einem ungeschickten Gast beistehen sehen, indem sie dessen Verlegenheit übersah und das Gespräch weiterführte. Eben hatte sie ihm dieselbe Höflichkeit erwiesen. Sie würde weder auf dem Tanz bestehen noch ihm seinen Satz vorhalten. Wahrscheinlich konnte er morgen wiederkommen und mit ihr über die Suppe sprechen. Als Charlotte sich zu ihm wandte, hätte er beinahe damit begonnen. Stattdessen sagte Albrecht: „Das war hässlich von mir. Sie bitten mich um einen Tanz, und ich mache mich darüber lustig.“
Charlotte ließ die Finger vom Radio sinken. Albrecht erzählte ihr, dass er bei ihrer Frage tatsächlich hatte aufstehen wollen. Dann war ihm eingefallen, dass er nicht einmal mehr wusste, mit welchem Fuß er beginnen musste. Er blickte auf seine Schuhe und machte einen kleinen Schritt zur Seite, brach aber sogleich wieder ab. Selbst ohne eine Partnerin kam er sich unbeholfen vor. Als er Charlotte wieder ansah, war nichts mehr von seinem Lächeln übrig. Er sagte, er habe sich davor gefürchtet, dass sie über ihn lachen könnte.
Charlotte hätte ihm gern geantwortet, dass sie einen alten Freund niemals wegen eines ungeschickten Schrittes auslachen würde. Doch eben hatte sie noch darauf gehofft, ihm bei Gelegenheit etwas ebenso Scharfes sagen zu können. Nun stand er vor ihr und bot ihr mehr Gelegenheit, als sie gebraucht hätte. Sie sah auf seine Schuhe, die dicht nebeneinander auf der Schwelle standen. Dann gestand sie ihm, dass auch sie den ersten Schritt nicht mehr sicher wusste. An die Schritte hatte sie erst gedacht, als er nicht aufgestanden war.
Albrecht fragte leise: „Versuchen wir es trotzdem?“ Charlotte drehte die Musik wieder lauter. Sie gingen in den Salon zurück, und Albrecht schob seinen Sessel beiseite. Als er sich aufrichtete, stand sie schon vor ihm. Ihre Hand passte leicht in seine; nur mit der anderen wusste er einen Augenblick nichts anzufangen, bis Charlotte sie an ihren Rücken führte. Dann hörten sie beide so angestrengt auf den Takt, dass sie zu lange stehen blieben. Charlotte begann schließlich von selbst, und Albrecht folgte ihr. Sie brachten eine halbe Drehung zustande, gerieten an den Sessel und mussten anhalten. Albrecht sah über Charlottes Schulter hinweg auf die Lehne, die er selbst nicht weit genug fortgeschoben hatte. Ohne ihre Hand loszulassen, rückte er das Hindernis mit dem Fuß beiseite.
Charlotte begann zu lachen. Noch einmal fuhr Albrecht der Schreck durch die Glieder, doch diesmal blieb er bei ihr. Sie sah zu ihm auf, und nun hörte er, wie sehr dieses Lachen dem beim Abendessen glich. Als er lächelte, schüttelte sie den Kopf über sie beide und kam ihm ein wenig näher. Sie mussten von vorn beginnen, und schön sah es vermutlich noch immer nicht aus. Doch als Albrecht beim nächsten Drehen den Fuß zurücksetzte, war Charlotte schon mit ihm gegangen.