Henning von Arnsfeld im Galerieporträt

Aus der Galerie

Henning von Arnsfeld

Der Page

Henning von Arnsfeld arbeitet seit vier Jahren als Page in einem vornehmen Hotel. Aufmerksam und gewissenhaft merkt er sich selbst beiläufige Wünsche; die klare Ordnung des Hauses gibt ihm Sicherheit.

Henning merkt sich als Page selbst beiläufige Wünsche und findet Halt in der Ordnung des Hotels.

Geschichten mit Henning von Arnsfeld

Die falsche Cousine

Wer in dieser Geschichte vorkommt
  • Henning von Arnsfeld
  • Albrecht von Bredow
  • Roderich von WallernEin verheirateter Hotelgast, der Henning für seine Täuschung einspannt.
  • Marta ReimannRoderichs Begleiterin, die erst im Hotel erkennt, dass er sie über seine Ehe belogen hat.
  • Helene von WallernRoderichs Ehefrau, die eine klare Antwort verlangt und die Folgen selbst zieht.

An einem Donnerstag im späten Herbst bat Roderich von Wallern den Pagen, das Gepäck von Frau Marta Reimann aus dem Zimmer neben seiner Suite in den dritten Stock zu bringen. Die Dame solle dort untergebracht werden, ehe am Abend seine Ehefrau einträfe.

Henning von Arnsfeld war damals neunundzwanzig Jahre alt und arbeitete seit vier Jahren in dem vornehmen Hotel, das Albrecht von Bredow noch bis zum kommenden Frühjahr führen würde. Henning war aufmerksam, diskret und so gewissenhaft, dass selbst ungeduldige Gäste ihre Wünsche bei ihm nicht zweimal aussprechen mussten. Man hielt das für eine vollkommene Tugend. In einem Hotel geschah dies leicht, denn dort wurden die Schwierigkeiten eines Menschen häufig schon dadurch angenehm, dass ein anderer sie geräuschlos erledigte.

Herr von Wallern war drei Tage zuvor mit Frau Reimann angekommen. Sie hatten getrennte Zimmer bestellt, gemeinsam gegessen und den größten Teil ihrer Zeit außer Haus verbracht. Henning hatte nicht darüber nachgedacht, in welcher Beziehung sie zueinander standen. Ein Hotel bewahrte die Privatsphäre seiner Gäste nicht nur aus Höflichkeit, sondern auch deshalb, weil Neugier ein schlechter Dienstherr war.

Nun erklärte Roderich von Wallern, seine Frau habe ihre Reisepläne geändert. Sie glaube, er halte sich allein im Hotel auf, und werde bis Sonntag bleiben. Frau Reimann sei eine entfernte Cousine, die zufällig zur selben Zeit im Haus wohne. Falls Frau von Wallern nach ihr frage, sei ausschließlich diese Auskunft zu geben.

Henning wiederholte den Auftrag. Frau Reimann werde in den dritten Stock übersiedeln und als Cousine des Herrn von Wallern angekündigt werden.

„Genau“, sagte Roderich. „Sie sehen, es ist nichts dabei.“

Henning sah vor allem, dass der Gast eine einfache Angelegenheit ungewöhnlich genau erklärte. Er fragte, ob Frau Reimann von dem Zimmerwechsel wisse. Roderich antwortete, sie werde einverstanden sein. Das war keine Antwort, doch es war in einem Ton gesagt, der eine Nachfrage wie eine Ungezogenheit erscheinen ließ.

Henning ging in das Nebenzimmer. Marta Reimann stand am Fenster und hatte bereits einen kleinen Koffer geöffnet. Sie mochte vierzig Jahre alt sein und trug ein dunkelblaues Reisekleid, das ohne modische Auffälligkeit sehr gut gearbeitet war. Als Henning den Wunsch nach dem Zimmerwechsel überbrachte, wandte sie sich nicht sofort um.

„Hat Herr von Wallern auch den Grund genannt?“, fragte sie.

Henning erklärte, Frau von Wallern werde am Abend eintreffen.

Roderich hatte Marta vor der Reise versichert, seine Frau wisse von ihrer Verbindung und lebe seit Langem getrennt von ihm. Nun erkannte Marta, dass keines von beidem stimmte.

Sie schloss den Koffer. Ihre Hände blieben einen Augenblick auf dem Deckel liegen. Dann sagte sie, Henning dürfe das Gepäck hinaufbringen. Sie werde selbst nachkommen.

Henning hätte noch fragen können, ob sie auch mit der Bezeichnung Cousine einverstanden sei. Er tat es nicht. Der Auftrag war eindeutig, und eindeutige Aufträge besaßen für ihn etwas Beruhigendes. Sie ersparten einem die Unsicherheit, die ein eigenes Urteil mit sich brachte.

Während Henning den zweiten Koffer durch die Halle trug, begegnete ihm Albrecht von Bredow. Der Hotelier war einundachtzig Jahre alt, groß, aufrecht und in jenem letzten Winter vor seinem Ruhestand noch immer häufiger am Empfang anzutreffen als in seinem Büro. Er bemerkte die neue Zimmernummer auf dem Anhänger.

Henning erklärte, Frau Reimann wünsche ein ruhigeres Zimmer.

Albrecht sah ihn kurz an. „Hat sie das gesagt?“

Henning antwortete, Herr von Wallern habe den Wechsel angeordnet. Albrecht stellte keine weitere Frage. Er half niemals aus bloßer Gewohnheit bei einer Verschwiegenheit mit, doch er durchbrach sie auch nicht, nur weil sie ihn interessierte.

Helene von Wallern traf früher ein als angekündigt. Sie kam noch vor dem Abendessen, während ihr Mann mit Marta Reimann im kleinen Lesesalon saß. Henning nahm Frau von Wallerns Mantel entgegen und ließ Roderich dort telefonisch verständigen. Wenige Minuten später erschien dieser allein in der Halle. Seine Freude über die Ankunft seiner Frau war tadellos und daher nicht ganz überzeugend.

Beim Abendessen saßen Roderich und Helene von Wallern an einem Tisch nahe dem Fenster. Marta Reimann hatte um einen Platz im hinteren Teil des Speisesaals gebeten. Henning bediente an diesem Abend nicht bei Tisch, doch er ging mehrmals durch den Raum und bemerkte, dass Roderich nur dann zu seiner Frau sprach, wenn Marta den Blick senkte. Helene wiederum sah nicht häufig zu der anderen Dame hinüber. Sie tat es nur genau genug.

Am folgenden Morgen begegneten sich die beiden Frauen in der Halle. Marta Reimann war bereits zum Ausgang gegangen, als Helene von Wallern vom Frühstück kam. Roderich stand bei seiner Frau. Für einen Augenblick blieb keiner der drei stehen, und doch kam niemand weiter.

Roderich rief Marta zu sich und stellte sie als seine entfernte Cousine vor. Marta neigte den Kopf. Helene reichte ihr die Hand.

„Wie seltsam“, sagte Helene von Wallern. „Mein Mann und ich sind seit achtzehn Jahren verheiratet, und seine Familie findet noch immer neue Mitglieder.“

Roderich lachte. Marta nicht.

Helene fragte, aus welchem Zweig der Familie Frau Reimann stamme. Roderich antwortete rasch, die Verbindung liege weit zurück. Marta sah ihn an. In diesem Blick lag weder Zorn noch Bitte, sondern nur die genaue Erkenntnis dessen, was er ihr zumutete.

Henning stand wenige Schritte entfernt. Er hätte sich zurückziehen können. Stattdessen wartete er, weil Roderich ihm am Vorabend aufgetragen hatte, die Auskunft zu bestätigen, falls es nötig werde.

Helene wandte sich an ihn. „Herr von Arnsfeld, ist Frau Reimann als Cousine meines Mannes angemeldet?“

Henning wusste, dass sie unter ihrem eigenen Namen ein Zimmer bestellt hatte. Er wusste auch, dass keine Verwandtschaft in einer Anmeldung vermerkt wurde. Dennoch antwortete er, Frau Reimann sei eine Verwandte des Herrn von Wallern.

Helene bedankte sich. Dann bat sie ihren Mann, sie auf einem Spaziergang zu begleiten. Roderich sagte, er müsse zuvor einige Briefe erledigen. Helene ging allein.

Marta Reimann kehrte in ihr Zimmer zurück. Eine halbe Stunde später bestellte sie einen Wagen für den Nachmittag und bat Henning, Herrn von Wallern nichts davon mitzuteilen. Henning nahm den Auftrag entgegen. Nun standen zwei einander widersprechende Wünsche vor ihm, und beide beriefen sich auf Verschwiegenheit.

Er versuchte, die Lage durch besonders sorgfältigen Dienst zu beruhigen. Er ließ Martas Rechnung vorbereiten, ohne ihre Abreise im Tagesplan zu vermerken. Zugleich teilte er Roderich auf dessen Nachfrage mit, die Dame ruhe in ihrem Zimmer. Als Helene zurückkehrte und fragte, ob Frau Reimann noch im Hause sei, erklärte Henning, über den Aufenthalt eines anderen Gastes dürfe er keine Auskunft geben.

Jeder einzelne Satz ließ sich mit den Regeln des Hotels rechtfertigen. Zusammen ergaben sie eine Täuschung.

Am Nachmittag stand Martas Gepäck in der kleinen Vorhalle. Sie wartete neben dem Eingang auf den Wagen. Roderich hatte ihren Aufbruch inzwischen bemerkt und kam aus dem Lift, kurz bevor Helene die Stiege herabstieg. Er fragte Marta, weshalb sie abreise. Marta antwortete, sie habe lange genug eine Rolle gespielt, die er allein geschrieben habe.

Helene blieb auf der letzten Stufe stehen.

Roderich trat zu ihr und erklärte, seine Cousine sei wegen einer familiären Angelegenheit verstimmt. Er sprach leise, beinahe fürsorglich.

Helene sah zuerst Marta, dann ihren Mann an. Schließlich wandte sie sich an Henning.

„Ist diese Dame seine Cousine?“

Henning spürte, wie sich in ihm alle eingeübten Antworten ordneten. Er konnte auf die Privatsphäre der Gäste verweisen, auf die fehlende Zuständigkeit oder auf Herrn von Wallerns ausdrückliche Anweisung. Jede dieser Antworten war beruflich einwandfrei. Keine beantwortete die Frage.

Er sagte schließlich, Herr von Wallern habe ihm aufgetragen, Frau Reimann als seine Cousine zu bezeichnen.

Helene von Wallern wurde nicht blass und erhob auch nicht die Stimme. Sie betrachtete Henning nur einen Augenblick länger, als es für eine gewöhnliche Auskunft nötig gewesen wäre.

„Ich habe Sie nicht gefragt, was mein Mann angeordnet hat“, sagte sie.

Dann ging sie an allen vorbei und hinauf in ihr Zimmer.

Marta Reimann wartete nicht länger auf den Wagen. Sie nahm den kleineren Koffer selbst und bat Henning, ihr übriges Gepäck nachzusenden. Dann verließ sie das Hotel zu Fuß. Roderich verlangte von Henning, Helene die Angelegenheit zu erklären. Er solle sagen, Frau Reimann sei empfindlich und habe eine harmlose Bekanntschaft missverstanden.

Zum ersten Mal wiederholte Henning den Auftrag nicht. Er sagte nur, er müsse zunächst mit dem Direktor sprechen.

Albrecht von Bredow saß in seinem Büro über den Abrechnungen des Tages. Henning berichtete ohne Ausschmückung, was geschehen war. Er verschwieg weder Roderichs erste Anweisung noch seine eigene falsche Auskunft.

Albrecht hörte ihn an. Dann schob er die Papiere beiseite.

Henning fragte, was er nun tun solle.

„Wenn ich Ihnen das sage“, erwiderte Albrecht, „haben Sie am Ende wieder nur einen Auftrag ausgeführt. Diesmal vielleicht einen besseren, aber das ist für Ihre Schwierigkeit kein großer Fortschritt.“

Henning schwieg. Er hatte gehofft, Albrecht werde ihm eine klare Grenze nennen, hinter der die Verantwortung des Hotels endete. Stattdessen ließ der alte Hotelier sie genau dort stehen, wo Henning sie am wenigsten wünschte: bei ihm selbst.

Nach einer Weile sagte Albrecht, Verschwiegenheit schütze, was ein Gast nicht öffentlich machen wolle. Sie verpflichte keinen Angestellten, eine erfundene Verwandtschaft zu bestätigen. Zwischen beidem liege kein feiner Unterschied. Fein sei nur die Art, in der manche Menschen ihn zu verwischen verstünden.

Mehr sagte er nicht.

Henning kehrte in die Halle zurück. Roderich wartete am Empfang und verlangte zu wissen, wann Henning zu seiner Frau gehen werde. Henning erklärte, er werde Frau von Wallern keine Einzelheiten über einen anderen Gast mitteilen. Er werde jedoch auch keine erfundene Geschichte mehr bestätigen und keine Nachricht überbringen, die Frau Reimann als Cousine oder als Missverständnis bezeichnete.

Roderich fragte, ob dies die Entscheidung des Direktors sei.

Henning antwortete, es sei seine eigene.

Der Gast sah ihn lange an. Dann kündigte er an, sich über ihn zu beschweren. Henning sagte, Albrecht von Bredow befinde sich in seinem Büro. Roderich ging tatsächlich dorthin.

Eine Viertelstunde später kam Albrecht in die Halle. Er äußerte sich nicht zu dem Gespräch. Nur seine linke Augenbraue stand etwas höher als sonst, was bei ihm sowohl Missbilligung als auch Genugtuung bedeuten konnte. Gute Hoteliers hielten selbst ihre Mienen für vertrauliche Angelegenheiten.

Helene von Wallern ließ ihr Gepäck für den nächsten Morgen vorbereiten. Sie bestellte einen Wagen nur für sich und bat darum, nicht geweckt zu werden. Roderich versuchte noch am Abend, mit ihr zu sprechen. Sie ließ ihn nicht ein. Henning überbrachte ihm diese Nachricht mit ihrem genauen Wortlaut und fügte nichts hinzu.

Am Morgen erschien Helene kurz vor acht Uhr in der Halle. Roderich wartete bereits neben dem Eingang. Er trat auf sie zu, doch sie blieb am Empfang stehen und bat Henning zu prüfen, ob nichts in ihrem Zimmer zurückgeblieben sei.

Henning bestätigte, dass alles eingepackt worden war. Danach gab er ihr Mantel und Handschuhe. Roderich sagte ihren Namen. Helene sah ihn an, aber sie antwortete nicht.

Als der Wagen vorfuhr, trug Henning ihr Gepäck hinaus. Roderich folgte bis zur Tür und wies ihn an, die Abfahrt noch einen Augenblick aufzuhalten.

Henning öffnete den Wagenschlag. Helene stieg ein. Erst als sie Platz genommen hatte, fragte er sie, ob der Wagen warten solle.

„Nein“, sagte Helene von Wallern.

Henning schloss die Tür. Der Wagen fuhr ab, während Roderich unter dem Vordach stehen blieb.

Als Henning in die Halle zurückkehrte, stand Albrecht am Empfang. Er fragte nicht, ob die Angelegenheit gut ausgegangen sei.

Roderich blieb unter dem Vordach, bis der Wagen verschwunden war. Dann kehrte er in die Halle zurück und trug Henning auf, Helene eine harmlose Erklärung hinterherzusenden.

Henning fragte, ob Frau von Wallern eine solche Nachricht gewünscht habe.

Roderich sagte nein. Henning nahm den Auftrag nicht an.