Eine Begegnungsgeschichte

Ein stilles Vermächtnis

Monika näht Hennings Uniformknopf an und fühlt sich zurückgewiesen, als er ihre Arbeit ausbessern lässt.

Geschichten mit diesen Wollwesen
Monika Meyendorff sitzt mit Henning von Arnsfeld im kleinen Lesesalon an einem runden Tisch, während Henning unter ihrer Anleitung sein braunes Gilet näht.
Wer in dieser Geschichte vorkommt

Ein stilles Vermächtnis

Nach ihrer Reise zu Anselm kehrte Monika Meyendorff nicht mehr in das möblierte Zimmer zurück, das sie unmittelbar nach der Räumung ihres Hauses bezogen hatte. Sie mietete ein ruhigeres Zimmer in der Nähe des Marktes, doch es wurde erst am folgenden Montag frei. Die neun Tage dazwischen verbrachte sie in dem Hotel, in dem Henning von Arnsfeld als Page arbeitete.

In ihrem Gepäck lag der kleine Nähkasten aus dem alten Haus. Er enthielt zwei Scheren, Garnrollen, Schneiderkreide und jenes Nadelkissen, das früher neben dem großen Arbeitstisch gestanden hatte. Monika öffnete den Kasten nur einmal, um einen losen Saum zu heften. Seit sie das Haus verlassen hatte, war dies die einzige Näharbeit, die sie noch verrichtet hatte. Um eine Arbeit gebeten hatte sie niemand mehr.

An einem Nachmittag betrat Monika die Eingangshalle des Hotels. Henning kam ihr an der Garderobe entgegen und nahm ihr den Mantel ab. Als er nach ihrem Schirm griff, löste sich der unterste Knopf seiner dunkelgrünen Uniformjacke und fiel auf den Teppich. Monika hob ihn auf, bevor Henning sich danach bücken konnte.

„Der wäre bis morgen verschwunden“, sagte sie und legte den Knopf in ihre Handfläche.

Henning erklärte, das Nähzimmer werde ihn vor dem nächsten Dienst wieder befestigen. Er selbst habe noch nie einen Knopf so angenäht, dass er lange hielt. Bei seinem braunen Reisegilet habe er einmal eine gerissene Seitennaht der Innentasche schließen wollen und dabei auch einen Teil der Taschenöffnung mitgefasst.

Monika betrachtete ihn, als habe er ihr eine schwer verständliche Nachlässigkeit gestanden. Wenn Henning ihr die Jacke nach seinem Dienst für eine Viertelstunde bringe, sagte sie, könne er den Knopf am nächsten Morgen wieder schließen. Henning wollte die Uniform zunächst nicht aus der Hand geben. Dann sah er, wie selbstverständlich Monika den Knopf bereits zwischen zwei Fingern hielt, und sagte zu.

Am frühen Abend brachte er die Jacke in ihr Zimmer. Monika legte sie unter die Lampe, suchte ein passendes Garn und versuchte, den Faden einzufädeln. Beim ersten Mal traf sie das Öhr nicht. Beim zweiten Mal bog sich der Faden zwischen ihren Fingern. Sie rückte die Lampe näher und nahm die stärkere Brille aus dem Nähkasten.

Danach gelang es ihr, doch die Nadel folgte ihrer Hand nicht mehr so sicher wie früher. Zweimal löste Monika die Stiche wieder, weil der Knopf zu dicht am Stoff lag. Beim dritten Versuch hielt er, saß jedoch leicht schräg, und unter ihm bildete sich eine kleine Falte. Monika strich die Jacke glatt, betrachtete die Reihe der Knöpfe und wusste, dass sie eine solche Arbeit früher keinem Lehrmädchen hätte durchgehen lassen.

Henning kam ohne Uniform zurück, um die Jacke abzuholen. Er zog sie an und schloss sie. Sein Blick blieb an der kleinen Falte hängen; auch Monika sah sie.

„Der Knopf geht nicht mehr verloren“, sagte sie.

Henning bedankte sich. Er hätte die Jacke wieder ausziehen und Monika sagen können, dass der Stoff sichtbar verzogen war. Stattdessen verabschiedete er sich und nahm sich vor, die Falte am nächsten Morgen nicht zu beachten.

Eine Stunde vor Dienstbeginn stand er damit vor dem Spiegel. Die übrigen Knöpfe bildeten eine gerade Linie; nur der unterste wich zur Seite, und die Falte war im Morgenlicht deutlicher als am Abend. Henning brachte die Jacke noch vor dem Frühstück in das Nähzimmer. Dort wurde der Knopf versetzt und der Stoff geglättet.

Monika erkannte die Änderung, sobald Henning ihr im Frühstückszimmer die Tasse hinstellte. Die Knöpfe saßen nun wieder gerade untereinander, und die kleine Falte war verschwunden.

„Sie haben ihn neu annähen lassen“, sagte sie.

Henning stellte die Kanne ab und antwortete, die Uniform müsse während des Dienstes ordentlich sein. Monika schob die Untertasse mit zwei Fingern an den Rand des Tisches.

„Dann hätten Sie mir die Jacke nicht geben sollen.“

Henning erklärte, er habe ihr Angebot nicht zurückweisen wollen.

„Abgelehnt haben Sie meine Arbeit trotzdem – nur ohne es mir zu sagen“, erwiderte Monika.

In den nächsten beiden Tagen nahm sie keine Hilfe mehr von ihm an. Sie holte ihren Mantel selbst aus der Garderobe und trug den Zimmerschlüssel bis zur Rezeption, auch wenn Henning ihr auf der Stiege entgegenkam. Er bot ihr nichts ein zweites Mal an.

Am dritten Nachmittag ließ Henning Monika am Empfang ausrichten, er bitte sie um ein kurzes Gespräch im kleinen Lesesalon. Dort wartete er mit dem braunen Gilet, von dem er in der Halle gesprochen hatte. Als Monika eintrat, zog er die Innentasche nach außen. Ihre Seitennaht war noch immer offen, während zwei grobe Stiche den Rand der Taschenöffnung mit dem Futter verbanden.

„Das Nähzimmer liegt am anderen Ende des Ganges“, sagte Monika.

Henning erwiderte, das Gilet gehöre ihm. Wenn ihm beim Nähen ein Fehler unterlaufe, müsse nur er selbst damit leben. Er wolle lernen, wie er die offene Naht richtig schließen könne.

Monika sah ihn lange genug an, dass Henning bereits glaubte, sie werde gehen. Dann bat sie ihn, den Nähkasten aus ihrem Zimmer zu holen. Als er zurückkam, nahm sie eine kräftige Nadel heraus und schob ihm Nadel und Faden zu.

Henning brauchte drei Versuche, bis der Faden durch das Öhr ging. Den ersten Knoten setzte er weit vom Ende entfernt. Monika zeigte auf den losen Faden.

„Der Knoten muss klein sein und am Ende sitzen.“

Henning löste ihn und versuchte es noch einmal. Monika zeigte ihm an einem alten Stoffrest, wo die Nadel einstechen und wie weit der nächste Stich entfernt sein sollte. Seine ersten Stiche wurden zu kurz, die nächsten zu lang; einmal nähte er zwei Stofflagen zusammen, die offenbleiben mussten. Monika machte ihn auf jeden Fehler aufmerksam, nahm ihm die Nadel jedoch nicht aus der Hand.

Nach einer Weile zog Henning das Futter des Gilets auf den Tisch. Monika erklärte ihm, wie die gerissenen Ränder übereinanderliegen mussten. Beim ersten Stich zog er den Faden so fest, dass sich der Stoff kräuselte. Er löste ihn von selbst und begann erneut.

Während Henning nähte, lagen Monikas Hände ruhig neben dem Nähkasten. Schließlich fragte er, ob sie beim Annähen des Uniformknopfs gewusst habe, dass er schief saß.

„Natürlich“, antwortete Monika.

„Warum haben Sie mich dann damit gehen lassen?“

Monika nahm die Schere auf, legte sie jedoch wieder hin. „Weil ich nicht sagen wollte, dass meine Hände es nicht besser konnten.“

Henning sah auf die Naht, die er gerade arbeitete. Nach einigen Stichen sagte er, er hätte ihr die Jacke zurückbringen und offen zeigen müssen, was nicht stimmte.

Monika nickte. Mehr verlangte sie nicht von ihm.

Als Henning den Taschenbeutel geschlossen hatte, prüfte sie die Naht. Ein Stich stand schräg, zwei waren länger als die übrigen. Monika strich mit dem Finger darüber, griff aber nicht nach der Schere.

Henning fragte, ob er alles wieder auftrennen solle. Monika zog leicht am Futter. Die Naht hielt.

„Für heute bleibt sie“, sagte sie und reichte ihm das Gilet.

Am folgenden Montag war Monikas neues Zimmer bereit. Henning trug ihren Koffer in die Halle und stellte ihn neben die Tür. Als er den Griff losließ, bemerkte Monika, dass sich an seinem linken Ärmel ein Knopf lockerte. Sie griff nicht danach. Henning folgte ihrem Blick, öffnete die Manschette und prüfte den Faden.

„Heute Abend“, sagte er.

Monika fragte, womit er beginnen werde.

„Mit einem kleinen Knoten am Fadenende“, antwortete Henning.

Monika nickte.

Dann ließ sie sich von ihm den Mantel reichen. Henning öffnete die Tür, nahm ihren Koffer wieder auf und achtete darauf, dass der lose Knopf nirgends hängen blieb.

Weitere Figuren
  • Anselm MeyendorffMonikas Sohn.