Monika Meyendorff

Aus der Galerie

Monika Meyendorff

Die Beharrliche

In dem schmalen Haus ihrer Familie hat Monika Meyendorff als Schneiderin gearbeitet und ihren Sohn großgezogen. Noch immer hält sie an diesem Ort und seinen Erinnerungen fest.

Monika hält an dem Haus fest, in dem sie als Schneiderin gearbeitet und ihren Sohn großgezogen hat.

Geschichten mit Monika Meyendorff

Die letzte Bewohnerin

Wer in dieser Geschichte vorkommt
  • Monika Meyendorff
  • Anselm MeyendorffMonikas Sohn, der nach beinahe fünfzig Jahren zurückkehrt und ihr beim Abschied vom alten Haus hilft.

Als die ersten Häuser verschwanden, blieb Monika Meyendorff auf ihrer Treppe sitzen und sah zu, wie gegenüber die Ziegel von den Dächern genommen wurden. Während der Arbeiten hielt sie die Fenster geschlossen, wie man es ihr geraten hatte, und fegte am Abend den Staub aus dem Flur. Wer daraus schloss, dass sie nun ebenfalls fortgehen werde, erhielt keine Antwort. Monika widersprach selten, solange Schweigen genügte.

Das schmale Haus gehörte seit drei Generationen ihrer Familie. Monika war darin aufgewachsen, hatte später im vorderen Zimmer als Schneiderin gearbeitet und dort ihren Sohn Anselm großgezogen. Der breite Arbeitstisch stand noch immer am Fenster, obwohl seit Jahren kein Kleid mehr darauf ausgebreitet worden war. Monika nähte nur noch für sich und für zwei frühere Kundinnen, die ihre Knöpfe inzwischen lieber von vertrauten als von geschickten Händen annähen ließen.

Sie kannte jeden Mangel des Hauses. Im Winter zog es durch die Rahmen, die Stufen waren steil, und bei starkem Regen drang Wasser unter die Hoftür. Monika hatte nie behauptet, alte Dinge seien besser, nur weil sie alt waren. Trotzdem lehnte sie jedes Gespräch über eine andere Wohnung ebenso ab wie das Geld für das Grundstück. Wenn eine Erklärung unvermeidlich wurde, sagte sie lediglich, ihr Sohn werde zurückkommen.

Die meisten glaubten, Anselm sei erst vor einigen Monaten verreist. Nur wenige wussten, dass er das Haus seit beinahe fünfzig Jahren nicht mehr betreten hatte.

Monika hatte früh geheiratet und ihren Gefährten verloren, als Anselm kaum zwölf Jahre zählte. Danach waren Mutter und Sohn viele Jahre eng miteinander verbunden gewesen. Anselm half nach der Schule in der Werkstatt, brachte fertige Stücke zu den Kundinnen und las Monika abends aus der Zeitung vor, während sie Säume heftete. Sie freute sich über seine Verlässlichkeit und bemerkte lange nicht, dass sie jeden seiner Pläne danach beurteilte, ob er sich mit ihrem eigenen Leben vereinbaren ließ.

Mit zweiundzwanzig erhielt Anselm das Angebot, bei einer kleinen Wanderbühne als Bühnenmaler zu arbeiten. Seit seiner Kindheit hatte er Kulissen gezeichnet, zuerst auf Packpapier, später auf ausrangierten Stoffbahnen aus Monikas Werkstatt. Nun wollte er mit der Bühne fortgehen, an verschiedenen Orten arbeiten und auf einen sicheren Posten verzichten. Monika hörte ihn an, fragte nach Verdienst, Unterkunft und Dauer der Anstellung und fand an jeder Antwort einen neuen Mangel. Anselm versuchte zunächst, ihre Einwände einzeln zu entkräften. Je genauer er erklärte, desto kälter wurde ihre Stimme, bis er begriff, dass es nicht um die Höhe seines Lohns ging.

Am Abend vor seiner Abreise stand sein Koffer im Flur. Monika hatte den ganzen Tag gehofft, er werde die Anstellung absagen und den Koffer wieder hinauftragen. Anselm wartete darauf, dass sie ihm wenigstens Glück wünschte. Als beides ausblieb, sagte Monika, er solle nicht erst zurückkommen, wenn alles misslungen sei.

Anselm hob den Koffer auf und antwortete, er werde zurückkommen, sobald sie ihn eintreten lassen könne, ohne aus seinem Leben einen Fehler zu machen. Monika hätte ihn noch an der Tür zurückrufen können, doch sie strich nur die Tischdecke glatt, die er im Vorübergehen berührt hatte. Dann fiel die Haustür hinter ihm zu.

Im ersten Jahr schrieb Anselm zweimal. Den ersten Brief legte Monika ungeöffnet in die unterste Lade ihres Arbeitstisches; den zweiten schickte sie zurück. Sie bestand darauf, dass ein Versprechen persönlich gehalten werden müsse, obwohl niemand sie danach fragte. Monate später setzte sie selbst einen Brief auf. Da Anselm inzwischen mit der Bühne weitergezogen war, kam er ungeöffnet zurück. Monika erkundigte sich nicht nach seiner neuen Anschrift.

Die Jahre vergingen, ohne dass ihr Leben leer geworden wäre. Monika arbeitete, pflegte den kleinen Garten und vermietete das Zimmer unter dem Dach an junge Leute, die vorübergehend in der Stadt zu tun hatten. An ihrem Tisch wurde gegessen, beraten und gelegentlich gestritten; wer krank war, fand am Morgen eine Schüssel Suppe vor der Tür. Nur Anselms Zimmer blieb unvermietet. Anfangs sagte Monika, er könne jeden Tag zurückkommen, später erklärte sie das Dach für undicht. Nachdem es erneuert worden war, sprach sie nicht mehr über den Raum.

Als die Häuser zu beiden Seiten verkauft wurden, zogen die letzten Nachbarn fort. Fenster wurden vernagelt, Gärten geräumt und Mauern vorsichtig abgetragen. Monikas Haus sollte zunächst stehen bleiben, doch mit jedem Nachbargebäude verlor es einen Teil seines Schutzes. Nach einem kräftigen Herbstregen zeigte sich ein Riss in der freigelegten Giebelwand, der vom oberen Fenster bis zum Dachansatz reichte. Der Baumeister ließ die Wand abstützen und erklärte Monika, die Balken hätten sich bereits verschoben. Mit den Stützen könne das ganze Haus noch einige Wochen bewohnt werden; am Ende dieser Frist müsse es jedoch leer sein. Monika stellte ihm Kaffee hin und sagte, ihr Sohn werde kommen.

Am folgenden Morgen holte sie Anselms ersten Brief aus der Lade. Das Papier war an den Rändern gelb geworden, das Siegel jedoch ungebrochen. Monika legte den Brief auf den Arbeitstisch, setzte sich davor und blieb dort, bis das Licht im Zimmer schwächer wurde. Weil sie ihn noch immer nicht öffnen konnte, nahm sie ein neues Blatt und schrieb Anselm, dass die Nachbarhäuser abgetragen würden und er versprochen habe zurückzukommen.

Mit dem fertigen Brief ging Monika zu einer früheren Mieterin, die noch immer am Theater der Stadt arbeitete. Diese kannte einen älteren Bühnenmaler, der früher mit Anselm gearbeitet hatte und ihm noch zu Weihnachten schrieb. Er versprach, Monikas verschlossenen Brief weiterzugeben. Noch am selben Nachmittag brachte Monika den Umschlag selbst zu ihm.

Zwei Wochen später erhielt sie eine Antwort, in der Anselm lediglich schrieb, er werde kommen.

Von diesem Tag an öffnete Monika morgens zuerst die Haustür. Sie bezog das Bett in Anselms Zimmer, stellte frisches Wasser auf den Tisch und nahm seine alten Zeichnungen aus dem Schrank. Als es schließlich an einem späten Nachmittag klopfte, war sie im vorderen Zimmer über einen Rocksaum gebeugt. Sie erkannte Anselm schon durch das matte Glas der Tür, obwohl sein Haar beinahe weiß geworden war und er sich beim Warten leicht auf einen Stock stützte.

Monika öffnete und sagte, sie habe gewusst, dass er kommen werde. Anselm begrüßte sie ruhig, trat über die Schwelle und stellte seine Reisetasche im Flur ab. Für einen Augenblick schien es ihr möglich, den Besuch wie eine verspätete Heimkehr zu behandeln, bei der nur die Mahlzeit warm und das Zimmer bereit sein musste.

Beim Kaffee fragte Monika nach der Reise. Anselm erzählte, dass er viele Jahre Bühnenbilder entworfen und später junge Maler ausgebildet hatte. Inzwischen arbeitete er nur noch selten und lebte in einem kleinen Haus, mehrere Tagesreisen entfernt. Monika hörte aufmerksam zu, fragte jedoch weder, ob er Freunde gefunden hatte, noch wo er die Winter verbracht hatte oder wer bei ihm gewesen war, wenn er krank wurde.

Danach führte sie ihn nach oben und zeigte ihm das hergerichtete Zimmer. Anselm blieb an der Tür stehen, während Monika sagte, er könne während der Räumung wieder hier wohnen; anschließend würden sie gemeinsam entscheiden, wo sie beide Platz fänden. Er strich mit der Hand über den Türrahmen und erklärte, er sei gekommen, um sie zu sehen und ihr beim Fortgehen zu helfen, denn sein eigenes Zuhause liege anderswo.

Monika erinnerte ihn an sein Versprechen. Anselm erwiderte, er sei zurückgekommen, aber nicht mehr zweiundzwanzig und nicht bereit, wieder in diesem Zimmer zu wohnen. Als Monika aufzählte, wie lange sie auf ihn gewartet und das Haus allein erhalten hatte, fragte er nur, weshalb sie seinen ersten Brief nie geöffnet habe.

Sie behauptete, sich daran nicht mehr genau zu erinnern. Anselm blickte zum frisch bezogenen Bett und dann zu den alten Zeichnungen, die Monika auf den Tisch gelegt hatte. Er nahm seine Reisetasche wieder an sich und sagte, er werde in der nahen Pension übernachten. Am nächsten Vormittag komme er zurück; dann könnten sie gemeinsam ansehen, was aus dem Haus mitgenommen werden müsse. In das alte Zimmer werde er nicht einziehen.

Nachdem Anselm gegangen war, trug Monika das frische Wasser hinunter und stellte die Zeichnungen zurück in den Schrank. Den ungeöffneten Brief nahm sie mit. Am Arbeitstisch löste sie langsam das spröde Siegel.

Anselm hatte damals nur zwei Seiten geschrieben. Er berichtete von seiner ersten Arbeit für die Bühne, von einem bemalten Garten, der aus dem Zuschauerraum größer wirkte als der ganze Saal, und von der Angst, beim nächsten Auftrag nicht gut genug zu sein. Am Ende bat er Monika, ihm zu schreiben, ob er im Winter für einige Tage nach Hause kommen dürfe; einen Misserfolg oder Geld erwähnte er mit keinem Wort.

Monika las den letzten Absatz mehrmals. Dann legte sie den Brief nicht in die Lade zurück, sondern steckte ihn in die Tasche ihres grünen Kleides.

Am nächsten Morgen wartete sie auf der Stufe vor dem Haus. Anselm kam früh und blieb am Gartentor stehen, als er sie dort sitzen sah. Monika erhob sich nicht sofort. Sie zog den alten Brief aus ihrer Tasche, strich ihn auf dem Knie glatt und sagte, sie habe ihn damals nicht zurückgewiesen, weil er gescheitert sei, sondern weil er ohne ihre Erlaubnis seinen Weg gefunden habe. Danach reichte sie Anselm den Brief.

Anselm las den Brief nicht, sondern setzte sich neben Monika und hielt das gefaltete Blatt zwischen beiden Händen. Nach einer Weile sagte er, nachdem Monika ihm den zweiten Brief zurückgeschickt hatte, habe er sich vorgenommen, ihr nicht noch einmal zu schreiben. An die Abende in der Werkstatt habe er trotzdem oft gedacht.

Monika fragte, ob er noch zeichne. Anselm bejahte es und erzählte von einem kleinen Arbeitszimmer in seinem Haus, dessen Fenster auf einen Hof hinausging. Dann fragte er, ob sie diesen Raum sehen wolle. Monika antwortete nicht sofort. Sie betrachtete die offenen Grundstücke, den Staub auf ihren Bohnenstangen und die grüne Haustür, die sich im verzogenen Rahmen nur noch mit Mühe schließen ließ. Schließlich bat sie Anselm um vier Tage, damit sie das Nötigste ordnen könne.

Monika zog zunächst in ein möbliertes Zimmer der nahen Pension. Zwei frühere Nachbarinnen halfen beim Packen, während Anselm die Kisten trug und jedes Mal fragte, bevor er etwas fortgab. Den Arbeitstisch ließ Monika einlagern; über eine neue Wohnung wollte sie erst nach ihrer Reise entscheiden. Anselms Zimmer räumte sie selbst, und auch die Zeichnungen nahm sie an sich.

Am Morgen der Abreise ließ Monika ihre beiden Taschen von der Pension zum Bahnhof bringen und ging mit Anselm noch einmal zum alten Haus. Sie setzte sich auf die Stufe, während er am Gartentor wartete, ohne sie zu rufen. Als Monika zu ihm ging, fragte sie, ob der Weg von dort zum Bahnhof weit sei. Anselm verneinte es, und sie machten sich zu Fuß auf den Weg. Monika hakte sich nicht bei ihm ein, sondern ging neben ihm, langsam genug für seinen Stock und rasch genug, dass er nicht auf sie warten musste.